Zürich 0105

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Zürich 0105
Takapau, 2022, Mataaho Collective Installation auf der Biennale 2024 in Venedig, Teil der Hauptausstellung in den Arsenalen.

Es ist 01:05 Uhr. Montagmorgen, ungefähr 25km hinter Zürich. Auf dem Weg nach Italien. 

Im Netz des Sitzes vor mir klemmt eine leere Dose Billigbier, 0,5. Zwei Reihen hinter mir schnarcht ein Mensch unbekannten Alters, aber definierbarem Geschlecht - männlich. Rechts diagonal hinter mir, ungefähr vier Reihen entfernt, zieht eine Person in regelmäßigen Abständen, ungefähr alle 3 Sekunden, die Nase hoch. Ob sie weint oder Covid hat, man weiß es nicht. 

30km hinter Zürich.

Die Fahrt hätte beschissener nicht beginnen können. Vom Busfahrer angeraunzt, Koffer in den Unterbau des Fahrzeugs geworfen, abruptes „Auf Wiedersehen“ zu der Person, die mich dankenswerter Weise nachts um 23:00 Uhr nach Zürich gefahren hat. Nein, ein Danke reicht da nicht aus - sie wäre auch so verrückt gewesen mich bis an meinen Zielort zu bringen. Venedig. 
Gerade noch ungefähr 8 lange Stunden und hochgerechnet 9.600 Nasenhochzieher entfernt.
So fern, so schlecht also. 

Diese Fahrt erinnert mich an Klassenfahrten. Vorbestimmte Trips auf die man sich nur halbherzig freut - insbesondere ich -, lange Busfahrten mit sich bringend, ebenso unangenehme Schlafpositionen, kein Zimmer für sich allein, Gruppenzwang und das Gefühl der Einsamkeit. 
Anders als bei Reisen mit selbstbestimmtem Ziel freut man sich hier nur in beeinträchtigtem Maße auf das, was kommt und noch weniger darüber, wie man dahin kommt. 

Zwischen jedem dritten Schnarcher und jedem zweiten Hochzieher überkommt mich dieses Gefühl.
Jenes Gefühl, das durch ein simples „Was zur Hölle mache ich hier?!“ ausgelöst wird. Darauf keine gescheite Antwort zu finden macht traurig. Bestürzend ist aber erst die Feststellung, dass man gern woanders wäre.

01:19 Uhr, Luzern. 

Zu allem Übel sitze ich auch noch neben der Toilette. Mein Sitzplatz, wirklich der letzte Ort, an dem ich gerade gern sein möchte. 
Der erste Ort, der mir als Sehnsuchtsort einfällt, ist meine Wohnung in Friedrichshafen. Sie ist auch deshalb Sehnsuchtsort, weil sie seit vier Jahren mein Zuhause ist. Egal, wo es mich hin verschlagen hatte, ich kam immer dorthin zurück. Sehr sicher. 

Jetzt liegt das alles irgendwie im Argen. Meine besten Freund *innen schreiben Bachelorarbeit, nächste Woche habe ich meine letzten Kurse, noch zwei Stunden also und die Wochen sind gezählt - 4 an der Zahl. 
Mehr nicht. 
Vier. 

Viele hört man sagen, „ja, das war ein tolles Kapitel, aber alles geht einmal vorbei. Eine gute Zeit. Vielleicht die beste. Aber sehr wahrscheinlich nicht. Halt eine Phase.“ 

So ist das für mich nicht. Friedrichshafen, die Uni, meine Freunde, das war das erste Mal mein Platz. Ich hab zu der Person gefunden, die ich heute bin. Kein Verstellen, kein Spielen, keinen Kopf darüber machen, wie man bei anderen ankommen mag. Meine Eltern hatte es regelrecht verletzt, dass der neue Ort bald den Namen „mein Zuhause“ trug - schon im ersten Semester.
Aber was wird nun zuhause? Wer wird dazugehören? Auf dem Mietvertrag steht Charlottenburg, Berlin. 

1:30 Uhr, Abfahrt aus Luzern 

Gerade ist eine Gruppe Italiener*innen hinzu gestiegen, welche nun freudig irgendwelche Geschichten austauschen. Nein, nicht vier Reihen hinter mir, sondern direkt hinter mir. Falls ihr euch fragt, meine Noisecancelling Kopfhörer habe ich natürlich dabei. Im Koffer. Und damit im Unterbau. Prima. 

Also, wo war ich… Ich möchte nicht hier sein. Ich möchte zurück. Genüsslich zuhause schlafen. Jetzt, wo es noch mein Zuhause ist. 
Wenigstens doch das… 

Aber nicht nur, dass mein Zuhause sich ändert. Auch mein Studium ändert sich. Auch der Kreis der Menschen, die mich täglich umgeben, wird sich ändern. Gerade da, ändert sich gerade viel zu viel, viel zu schnell. Flori verlässt die Uni früher wegen seines Praktikums, Vivi ist mit allen Sinnen bei ihrer Arbeit, Chris ist so wie immer, aber auch bald nicht mehr da. Menschen gehen, Menschen kommen?! 

Natürlich vertraue ich darin, dass das Leben weiterhin positive Dinge bereithalten wird - Menschen, Begegnungen, Erfahrungen, Orte… doch Abschied nehmen, das fiel mir noch nie leicht.

01:40 Uhr, 10km hinter Luzern.

Eine Stunde bin ich nun schon an dem Ort, an dem ich nicht sein will. Die Tränen sind getrocknet - äußerlich. 

Altes macht Neuem Platz. 

Wann ist dafür die richtige Zeit? Alle vier Jahre? Immer? Nach drei Schnarchern oder doch erst nach zehn Nase-Hochziehern? 
Ich glaube niemand, auch die leidenschaftlichen italienischen Geschichtenerzähler hinter mir, werden darauf keine Antwort haben. 

Was ich weiß:
Flixbusfahren macht allein, vielleicht auch einsam, mindestens genauso wie wenn Altes Neuem Platz macht. 

L

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