War never changes
Wie folgt stellt es sich dar:
Hätte Christopher Nolan das Pathos der letzten Szene - We shall fight on the beaches - mit seinem Aufruf in den Krieg zu ziehen weggelassen, so hätte man bei „Dunkirk“ vielleicht tatsächlich von einem Anti-Kriegsfilm sprechen können. So bleibt es halt nun mal das, was es bei Nolan leider so oft bleibt: Ein gut gemachter Blockbuster. Aber dafür vielleicht sein bester.

Umso empörender ist, dass diverse Kritiker den Film als Antikriegsfilm bezeichnen, weil in ihm ja kein Krieg vorkommen würde. Ein Kriegsfilm ohne Krieg. Wow!? Dafür aber mit allem, was zu einem „guten“ Kriegsfilm dazugehört: Herausragende technische Effekte, beeindruckendes Militärequipment, atemberaubende Bilder, irgendwas mit Kameradschaft, Heldentum, der Sieg am Ende der uns das Herz erwärmt und Pathos.
Doch ein echter Krieg ist weder herausragend, beeindruckend, atemberaubend noch herzerwärmend. Er hat auch nichts mit Kameradschaft noch mit Heldentum und Pathos zu tun. Ein Anti-Kriegsfilm sollte kein Blockbuster sein, auch wenn Nolan das gerne hätte. Denn im Genre des Blockbusters ist fest verankert, dass er uns gefallen muss. Schließlich hat der Film viel gekostet und die Kosten muss man ja irgendwie wieder reinholen. Aber seit wann soll Krieg uns bitte gefallen?
Schaut man sich „20 Tage in Mariupol“ von Mstyslaw Tschernow an dann merken wir - sollten wir es auch nur annähernd schaffen, die 94 Minuten durchzuhalten- dass ein echter Krieg nichts aber auch gar nichts von dem hat, was wir in all diesen Kriegsfilmen sehen. Ein Reporterteam von AP sitzt 20 Tage in der von den Russen belagerten Stadt fest. Sie dokumentieren was da passiert und was sie sehen.

Spätestens wenn dann das erste von einer Bombe getroffene, blutüberströmte Baby zu sehen ist. Spätestens wenn man dann sieht, wie die Krankenschwestern und Ärzte mit tränenüberströmten Gesichtern versuchen dieses wiederzubeleben. Spätestens wenn das Kind dann stirbt und der Arzt den Reporter voll Verzweiflung dazu auffordert, das tote Kind zu filmen, damit die ganze Welt sieht was in der Ukraine für Gräueltaten geschehen. Und spätestens wenn man dann sieht, wie die Mutter des toten Kindes in sich zusammenbricht. Dann fragt man sich wirklich nach der Angemessenheit von den „ach-so-viel-Spaß-machenden“ (Anti-) Kriegsfilmen.
Aber dann ist da „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger. Einer der wenigen Fälle, in welchen ein Remake tatsächlich sinnvoll war. Vielleicht sogar notwendig. Und ein tatsächlicher Antikriegsfilm (Die Erörterung dazu findet sich in zahlreichen Kritiken, weswegen ich mir dies jetzt spare). Ich möchte nur auf einen Aspekt hinweisen, der den Apparatus Krieg und die Rolle des Filmes darin sehr gut beschreibt. Da sieht man die grausame Front. Ein Soldat stirbt. Seine Jacke wird gewaschen, geflickt, genäht und zurück nach Deutschland gebracht. Angeheizt von einer patriotischen Rede begibt sich dann unser Protagonist zum Militär. Er bekommt eben jene Jacke. Das Namensschild ist noch drinnen. Der Zeugwart reist das Schild heraus und wirft es zu den anderen auf den Boden.

„War, War never changes“ - so fängt jedes Spiel der Reihe Fallout an. Der Kreislauf des Krieges ist ewig. Er wird nie enden. Er wird sich nie verändern. Stirbt einer, bekommt ein neuer seinen Posten. Notwendig dafür ist die Propaganda, der Patriotismus das Pathos. Ein Horn, in welches die (zum Teil von US-Militär unterstütze) Filmindustrie nur allzu gut blasen kann.
Für alle die Dunkirk nicht sehen wollen, weil sie Nolan Filme (verständlicher Weise) nicht ausstehen können- hier die Szene zum besseren Verständnis
