Ich glaub irgendwie nicht, dass es knapp wird: Mein finaler Take am Tag der US-Wahl
Es wird Zeit für mich, die Hand ins Feuer zu legen! In den vergangenen Monaten habe ich zwei Mal zur US-Wahl geschrieben. Einmal, um davor zu warnen, dass der Krieg in Nahost zwischen Israel und Hamas, der sich mittlerweile auf die Hisbollah im südlichen Libanon ausgeweitet hat, nicht nur eine geopolitische, sondern womöglich auch eine innenpolitische Katastrophe für die Biden-Harris-Regierung darstellen könnte. Den zweiten Artikel schrieb ich unmittelbar nach dem knapp gescheiterten Anschlag auf Donald Trump. Damals war Biden noch im Rennen, obwohl über einen Wechsel an der Spitze bereits spekuliert wurde. Im Artikel stellte ich dar, warum ich die zu dem Zeitpunkt medial dominierende Einschätzung, Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus sei so gut wie sicher, nicht teilte.
Beide Thesen haben sich bewahrheitet, zumindest zu einem erheblichen Teil. Die Politik der US-Regierung gegenüber Israel lässt sich schon beinahe als Invertierung des außenpolitischen Mantras Theodore Roosevelts deuten: Statt “speak softly and carry a big stick” ist es hier eher “speak with concern sometimes but don’t threaten to use your stick”. Diese Strategie vergrault muslimische und arabischstämmige Teile der Bevölkerung, die bislang überwältigend für die Demokraten gestimmt haben. Das könnte vor allem in Michigan zum Problem werden, wo diese Gruppen einen - für US-Verhältnisse - relativ hohen Anteil ausmachen. Einige ihrer prominenten Persönlichkeiten sprachen sich sogar für Trump aus, der seinerzeit versuchte, den “muslim ban” durchzusetzen, im Wahlkampf “Palästinenser” als Schimpfwort verwendet und fordert, Netanyahu “den Job erledigen zu lassen”. Auf der anderen Seite hat sich auch recht eindeutig gezeigt, dass die Anschlagsversuche auf Trump keine signifikante demoskopische Wirkung hinterlassen haben. Die Umfragen sind heute deutlich knapper als damals – wohlgemerkt: Trump führte zu diesem Zeitpunkt.
Es ist aber genau diese vermeintliche Knappheit der Umfragen, um die es heute gehen soll. Statt mich auf dem sicheren Ast der Ambiguität zu setzen, möchte ich lieber eine Prognose wagen, die mich im Nachhinein meinetwegen lächerlich dastehen lassen könnte: Ich glaube nicht, dass es so knapp wird, wie gerade alle behaupten.
Warum Umfragen als Vorhersage-Tool nicht oder kaum geeignet sind, haben wir bereits in beiden vorigen Artikeln anhand des “Keys to the White House”-Modell von Professor Allan Lichtman besprochen. Seitdem ist dieses übrigens auch in deutschen Medien beachtet worden (aber ich war der Erste!) und hat außerdem einen Wahlsieg Kamala Harris’ vorhergesagt. Nun ist dieses Modell aber eben nicht geeignet, um prozentuale Abstände vorherzusagen. Woher also meine Zuversicht?
Der erste Grund ist ein sich meiner Meinung nach abzeichnender Trend, die Demokraten zu unterschätzen. Vor den Zwischenwahlen 2022 ist weitestgehend davon ausgegangen worden, dass die Biden-Regierung für die damals grassierende Inflation sowie den logistisch zumindest unglücklichen Afghanistan-Abzug abgestraft werden würde. Tatsächlich handelte es sich um die besten Midterm-Ergebnisse einer Regierungspartei seit 20 Jahren, als 2002 George W. Bushs Beliebtheitswerte nach 9/11 noch bei über 60% lagen. Bidens lagen bei gerade mal 40%. Laut CNN-Analyst Harry Enten haben die Umfragen Demokratische Kandidaten durchschnittlich um vier Prozentpunkte unterschätzt, wodurch sie gerade einmal neun Sitze im Repräsentantenhaus verloren und im Senat sogar ihre 50:50-“Mehrheit” um einen Sitz ausbauten. Dieser Effekt tritt konsistent in “special elections” seit der Kippung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch durch den Supreme Court auf. Sollte er diesmal in einem ähnlichen Ausmaß eintreten, würde Harris in allen Swing States gewinnen und hätte einen Vorsprung von 100 Wahlmännern im Electoral College sicher.
Nun haben die Umfragen 2016 und 2020 aber die Eigenschaft gehabt, Trump zu unterschätzen. Warum sollte das nicht wieder der Fall sein? Oder den zumindest den genannten Effekt neutralisieren? Es gibt Indizien, dass die Wahlforscher sogenanntes “Herding” betreiben, also ihre Methodologie einander so angleichen, dass alle bei ähnlichen Ergebnissen rauskommen - nämlich 50:50. Das ist deshalb problematisch, weil viele Institute mittlerweile so vorgehen, dass sie fragen, wen die Probanden beim letzten Mal im Jahr 2020 gewählt haben und sie entsprechend gewichten. Damit legen sie effektiv ihren Finger auf die Waage, um bloß zu vermeiden, Donald Trump ein drittes Mal zu unterschätzen (was in der Geschichte von Präsidentschaftswahl-Umfragen übrigens beispiellos wäre). Nur kann es eben sein, dass viele der Faktoren, die dazu beitrugen, bereits bereinigt sind. 2016 wurde der Einfluss des Bildungsabschlusses unterschätzt und 2020 waren viele Leute zuhause und Demokraten beantworteten womöglich einfach öfter die Anrufe der Institute. Und ob beim immer offensiveren Auftreten der MAGA-Bewegung die Effekte sozialer Erwünschtheit sich noch negativ für Trumps Ergebnisse auswirken, bleibt auch offen.
Gleichzeitig wird der Zuwachs der Demokraten vor allem unter älteren, weißen Frauen, die einen der verlässlichsten Teile der wählenden Bevölkerung ausmachen, womöglich unterschätzt. Ebenso wie die Mobilisierung jüngerer Wähler(innen!), die trotz Einschnitte unter jungen Männern stärker zu Harris tendieren als andere Gruppen. Der – wie man im Englischen so schön sagt – Kanarienvogel in der Kohlenzeche für Trump ist hier eine kürzlich veröffentlichte Umfrage von Ann Selzer, in der Harris mit drei Prozentpunkten in Iowa führte. Selzer gilt seit mindestens vier Wahlzyklen als eine der verlässlichsten Wahlforscherinnen der Region. Als 2016 und 2020 andere Institute Clinton und Biden vorne sahen, sagte sie einen deutlichen Trump-Sieg voraus und näherte sich dem Endergebnis dabei sehr nah an. Iowa war deshalb in diesem Zyklus nicht mehr als Swing State, sondern als solide republikanisch angesehen worden. Sollten die aktuellen Ergebnisse auch nur annähernd akkurat und auf andere Regionen übertragbar sein, wäre das verheerend für Trumps Siegeschancen.
Der zweite Hauptgrund für meine These liegt nicht in den Umfragen, sondern in der Tatsache, dass Kamala Harris schlichtweg den besseren Wahlkampf gemacht hat. Zwar bleibt kritisch abzuwarten, ob die Einbindung einer neokonservativen Never-Trumperin wie Liz Cheney mehr genützt oder geschadet hat, dennoch war die Message vor allem am Anfang und am Ende die genau richtige. Die Harris-Kampagne hat es geschafft, die Bedrohung einer erneuten Trump-Präsidentschaft zu verdeutlichen, ohne dabei die sachpolitischen Kernthemen aus den Augen zu verlieren, wie das Hillary Clinton 2016 passiert ist. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Ernennung von Tim Walz als Vizepräsidentschaftskandidat. Walz war in dem medienöffentlich ausgetragenen Rummel um die Suche nach dem perfekten Mann an ihrer Seite durch seine Bezeichnung Trump-naher Politiker als weird aufgefallen. Aber auch seine politischen Errungenschaften als Gouverneur von Minnesota mit einer knappen Mehrheit in der Legislative zahlten auf sein Konto ein. Allen voran (aber nicht nur) seine sozial ausgerichtete Schulpolitik machten ihn sowohl beliebt bei Rechten sowie Linken innerhalb der Partei. Perfekt sieht man den inhaltlichen Fokus der Harris-Walz-Kampagne in der closing ad zusammengefasst: Lebenskosten, Gesundheitsversorgung, Freiheitsrechte. Das steht im Fokus. Sachfragen, die einen Bezug zum Alltagsleben haben. Trump wird nicht erwähnt, nur angedeutet, als es heißt, wir sehen in unseren amerikanischen Mitbürgern Nachbarn, keine Feinde. In Umfragen liegt Harris konsistent vor Trump in der Frage, wer sich eher um die “Mittelklasse” kümmert. Keine Selbstverständlichkeit für eine Demokratin.
Am schwersten fällt aber ins Gewicht, das muss man einfach sagen, dass Trump die Instinkte, die ihm 2016 ins Amt geholfen haben, verloren hat und von nun an überwiegend auf die Beschwörung seines Kultes pocht. Dieser Kult ist zwar laut und motiviert, aber eben auch eine Minderheit der Bevölkerung. 2016 konnte er durch seine protektionistischen Versprechen viele Menschen aus der Arbeiterklasse abgreifen, die vorher zwei Mal für Obama gestimmt hatten. Mit vielen vermeintlichen Kernthemen der Republikaner brach er damals und war trotz seiner extremen Rhetorik zur Migration in vielen Punkten moderater als sie. Er versprach in einem Interview mit 60 Minutes sogar eine Gesundheitspolitik, die sich eigentlich nur als Einführung einer Bürgerversicherung verstehen ließ. 2020 war er inhaltlich bereits größtenteils in die Richtung eines Fox-News-Grandpa abgerutscht, was sich auch im Wahlkampf widerspiegelte. 2016 beendete er den Wahlkampf mit einem populistischen anti-Wall-Street-Werbeclip. 2020 versuchte er auf den letzten Metern effektiv, seine eigene Coronapolitik zu relativieren. 2024 findet man nur noch Kulturkampf, Revanchismus und einen seltsamen Fokus auf Transgender-Fragen in der Trump-Kampagne. Letzteres wird in der Regel ohne weiteres mit der Ausländer- und Kriminalitätsthematik verbunden. Mal abgesehen von den ganzen Einzelheiten der letzten Monate, den kinderlosen Katzenfrauen, den Katzen fressenden Haitianern, der Madison-Square-Garden-Rallye und ihrer ekligen historischen Parallelen, hat dieses Messaging schon 2022 nicht funktioniert. Es hat 2020 auch nicht funktioniert und Donald Trump weiß das, auch wenn er es (meistens) nicht öffentlich zugibt. Er reitet sich selbst in den Sand.
In Kombination mit meinem zugegeben exzessiven Medienkonsum der letzten Woche lässt mich das zum Schluss kommen, dass ich mir ziemlich sicher über einen Wahlsieg der Demokraten bin. Vielleich erlangen sie sogar volle Kontrolle über den Kongress, obwohl das im Senat auf den ersten Blick fast unmöglich scheint. Aber auch hier bin ich der Meinung, dass in Nebraska ein unabhängiger Kandidat wie Dan Osborn ein populistisches Moment eben besser bedienen kann als eine von Trump unterstützte Deb Fischer. In Texas ist Ted Cruz 2018 mit nur zwei Prozentpunkten Vorsprung wiedergewählt worden und Trump hat dort bislang in jeder Wahl schlechter abgeschnitten als in der vorherigen. Und wenn jemand Ohio für die Demokraten halten kann in einer Zeit, in der dieser Staat ins republikanische Lager gewechselt zu haben scheint, dann ein gewerkschaftsnaher Politiker wie Sherrod Brown.
Zum Schluss ein paar Szenarien. Das ist das beste Szenario, das ich mir für Trump vorstellen kann:

Hier nehmen wir an, dass die aktuellen Umfragen und Vorhersagen im Kern richtig liegen und Pennsylvania einfach nur Stück nach weiter nach rechts driftet als das Patt, das dort aktuell von so vielen Instituten erhoben wird. Allerdings gibt es mit Blick auf die Briefwähler Grund zum Zweifel daran, wie realistisch das wirklich ist. Das nächste Szenario halte ich in den Grundzügen für am realistischsten:

Das ist ein Szenario, von dem oft gesprochen wurde, da es noch im Fehlertoleranzbereich aktueller Umfragen liegt und das Ergebnis im Prinzip nur ein wenig in Richtung Harris driften müsste, damit es eintritt. Eine fragile Konstellation aber eben auch nicht mehr sonderlich knapp. In der herkömmlichen Form hätte man hier wohl eher Arizona blau eingefärbt als Iowa. Da ich mich aber besonders mutig fühle, vertraue ich auf Ann Selzer, die zumindest in Iowa selbst ein beachtliches Gespür für die richtige Methodik gefunden zu haben scheint. Sollte es aber sein, dass Harris um etwas mehr als drei Prozentpunkte unterschätzt wird, könnte es zu dieser Karte kommen:

Hier wären wir an einem Punkt, an dem die Demokraten wahrscheinlich ihre Mehrheit im Senat behalten. Rick Scott aus Florida ist ohnehin nicht sonderlich populär und bislang immer nur sehr knapp gewählt worden. Das heißt: Wenn Harris hier gewinnt, wäre Scott wohl auch Geschichte. Ein kleiner Schock wäre das schon, denn der langjährige Swing State wurde bei den Zwischen- und Lokalwahlen 2022 von den Republikanern regelrecht abgeräumt und gilt seither als nicht unbedingt kompetitiv für Demokraten. Zuletzt noch ein sehr gewagtes Szenario, das dann auftreten könnte, wenn sich herausstellen sollte, dass Harris ähnlich stark unterschätzt wird wie Trump 2016 oder 2020:

Bei einer Outperformance von fünf Prozentpunkten würde dies zum größten Wahlsieg seit Ende des Kalten Krieges führen. In diesem Fall würde Ohio erstmals seit 2012 an die Demokraten gehen. Doch noch auffälliger ist natürlich Texas, das seit 1976 keinen Demokratischen Präsidentschaftskandidaten mehr gewählt hat. Alaska hat sogar seit Lyndon Johnson 1964 keinen Demokraten zum Präsidenten, dafür aber zuletzt Mary Peltola 2022 zur einzigen Abgeordneten des Bundesstaats im Repräsentantenhaus gewählt.
Müsste ich für eines dieser Szenarien meine Hand ins Feuer legen, wäre es wie gesagt das zweite. Das bietet immer noch genug Spielraum, um drastisch falsch zu liegen, sollte Harris nur knapp gewinnen. Sollte doch Trump gewinnen, dann habt ihr dank mir jetzt wenigstens einen Grund, um zu lachen.