Trump, der Märtyrer, Biden, der Zombie – über falsche Gewissheiten
Seit der Fernsehdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden vor einigen Wochen ist der mediale Ton zur US-Präsidentschaftswahl im November deutlich dramatischer geworden. Sowohl in den Staaten selbst als auch im Ausland. Vor allem über Joe Bidens schlechte Performance und immer deutlicher auftretenden Aussetzer ist viel berichtet und spekuliert worden. Vermehrt wurde sein Rückzug von der Kandidatur und sogar sein Rücktritt als Präsident gefordert. Und das von Demokratischen Abgeordneten im Kongress wie von journalistischen Kommentatoren international. Nun hat es einen erfolglosen Mordanschlag auf Donald Trump gegeben und viele sind der Meinung: Das Ding ist gelaufen!
Trump, der ohnehin schon von seinen Anhängern – man kann es nicht anders sagen, auch weil es wirklich solche Bekundungen gibt – als religiöse Figur gesehen wurde, wird nun durch seine Märtyrerrolle endgültig zum Propheten der politischen Rechten. Nur um eine Ohrläppchenbreite ist er dem Tod entrungen, weil er zufällig im genau richtigen Moment seinen Kopf bewegte, um auf eine Grafik zu gucken, was er sonst nie tut. Eine Intervention Gottes, wie Trump selbst sagt. Und tatsächlich gibt der ehemalige Präsident sich seit dem Attentat wie geläutert. Wie man ihn noch nie erlebt hat, nämlich „präsidial“. Er schlägt beinahe versöhnliche Töne an, anstatt Verschwörungstheorien, Halb- und Unwahrheiten zu verbreiten. Sogar seine Rede für den Nominierungsparteitag der Republikaner soll er umgeschrieben haben, um den Fokus mehr auf nationale Einigkeit, weniger auf die Versäumnisse Joe Bidens zu legen. Zumindest er selbst tut das. Andere verbreiten bereits Vorwürfe, die Demokraten seien wegen ihrer Rhetorik, dass Trump die Demokratie gefährde, für die Tat verantwortlich. Einer von ihnen: J. D. Vance, ausgerechnet Trumps neuer Vize-Präsidentschaftskandidat!
Damit ist die Dynamik dieses Rennens doch entschieden, oder nicht? Trump lehnt sich zurück, gibt sich versöhnlich, währenddessen können die Vertreter seiner Partei, die er in den letzten neun Jahren erfolgreich auf Linie gebracht hat, auf Angriff schalten und den Demokraten das Attentat in die Schuhe schieben. Ein ähnliches Prinzip wie Narendra Modi in Indien: Der Führer hält sich die Hände sauber, die Drecksarbeit können dafür andere erledigen. Die Demokraten können eigentlich nichts tun, sind den Angriffen schutzlos ausgesetzt. Und wenn sie sich zu wehren versuchen, steht da der kognitiv angeschlagene Joe Biden, dem kaum einen Satz mehr fehlerfrei über die Zunge geht. Statt Kamala Harris, sagt er Vice President Trump, statt Selenskyj sagt er Putin, statt „ballot box“ sagt er „battle box“. Look… Listen, Jack… Here’s the deal... Think about it… Anyway… We are the United States of America… There is nothing we can’t do when we’re doing it together… Corn Pop was a bad dude, I got hairy legs! So oder so so ähnlich stellt man es sich vor. Das Resultat: Die Republikaner sind motiviert, Demokraten demotiviert und Donald Trump fährt einen größeren Sieg ein als 2016, gewinnt sogar den popular vote.
Als kultivierter Hamburger bin ich selbstverständlich auch ZEIT-Leser. Dort titelt man dieser Tage in zwei Artikeln – jeweils Interviews mit einem Historiker und einem Amerikanisten „Die Wahl ist damit praktisch entschieden" “ (Manfred Berg) und sogar „Es wäre wohl besser gewesen, Trump wäre 2020 wiedergewählt worden“ (Michael Butter). Auch da die Einschätzung, das Bild des die Faust schwingenden Trumps mit blutverschmiertem Gesicht unter der amerikanischen Flagge sei das entscheidende Symbol dieser Wahl, das nur als der Triumph des Trumpismus über seine Widersacher verstanden werden könne. Dagegen der gebrechliche Biden? Keine Chance.
Dass die vermeintlichen Gewissheiten des Tagesjournalismus aber oft trügerisch sind, ist uns allen bekannt. Ob es der sichergeglaubte Wahlsieg Hillary Clintons 2016, der prognostizierte Erdrutschsieg Bidens 2020 (er gewann letztendlich deutlich knapper) oder die angebliche Red Wave bei den Zwischenwahlen 2022 waren (Biden verlor lediglich neun Sitze, weniger als jeder Präsident seit George W. Bush 2002). Alle drei sind Beispiele dafür, wie das mediale Narrativ einer Wahl vom tatsächlichen Ergebnis abweichen kann. Und seit der Schwächung des bundesweiten Rechts auf Abtreibung durch ein Urteil des Supreme Court im Jahr 2022 übertreffen die Wahlergebnisse der Demokraten die Umfragen deutlich. Oft mit zweistelligen Abständen.
Nun kann man zwei Dinge dagegenhalten. Erstens: Joe Biden ist historisch unbeliebt. Kein Präsident sei jemals mit einer Zustimmungsrate in den 30ern jemals wiedergewählt worden. Doch! Und zwar Harry Truman 1948. Truman war seinerzeit unbeliebt, aber wird von Historikern heutzutage recht konsistent unter den zehn besten US-Präsidenten verordnet. Trumans Zustimmungswerte sanken laut dem Umfrageinstitut Gallup im Jahr seiner Wiederwahl bis auf 36%. Aktuell liegt Biden laut 538 bei 38,4% (Stand 17.07.2024). Damit hat er sich seit der Debatte wieder um einen Punkt erholt, denn am 6. Juli sank er auf ~37%, was seinen bisherigen Tiefpunkt darstellt. (Zur Vollständigkeit sei gesagt, dass Bidens Werte meist zwischen den hohen Dreißigern und den niedrigen Vierzigern schwanken.) Der Glaube, dass Harry Truman seinem charismatischen Herausforderer Thomas E. Dewy unterliegen würde, war übrigens so groß, dass die Chicago Tribune schon eine Ausgabe mit der Überschrift Dewy Defeats Truman drucken ließ. Vorschnell, wie sich herausstellte. Truman gewann mit einem recht knappen, aber deutlichen, Vorsprung von 4,5% - genau wie Joe Biden 2020.

Das zweite Gegenargument: Man kann die Performance bei Zwischen- und Sonderwahlen nicht als Projektion für die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl gewichten. Immer, wenn Trump zur Wahl stand, sind die Republikaner systematisch unterschätzt worden und aktuell führt er in nationalen Umfragen sogar mit 2-3%. Und auf lokaler Ebene führt er in den entscheidenden Staaten teilweise deutlich. Dieses Argument ist valide – wenn man annimmt, dass die Umfragen statisch sind. In vier Monaten kann sich noch vieles ändern.
Ich habe hier ja bereits in der Vergangenheit zu Allan Lichtmans Modell zur Vorhersage von US-Präsidentschaftswahlen geschrieben, das Umfragen fast vollständig irgnoriert und sich zumindest bislang bewährt hat. Es ist natürlich – wie alle wissenschaftlichen Modelle – nicht in Stein gemeißelt und könnte sich irren, hat aber einen beachtlichen track record und hilft uns als Außenseiter, die Dynamik dieses Wahlkampfs besser beschreiben zu können. Deswegen möchte ich das im Folgenden einmal versuchen.
Zur Erinnerung: Das Modell basiert auf 13 Ja-Nein-Fragen. Wenn sechs oder mehr davon mit nein beantwortet werden, wird die aktuelle Regierungspartei abgewählt. Werden acht oder mehr mit ja beantwortet, wird sie wiedergewählt:
- Hat die Regierungspartei bei den Zwischenwahlen Parlamentssitze gewonnen?
A: Nein, die Demokraten haben 2022 neun Sitze verloren. - Gibt es keinen relevanten Gegenkandidaten in den Vorwahlen?
A: Unsicher. Joe Biden hat zwar die Vorwahlen gewonnen, wegen seines Alters gibt es aber Forderungen nach einer Open Convention, bei der ein komplett neuer Kandidat gewählt werden müsste. Ein Gegenkandidat bräuchte mindestens ein Drittel der Stimmen, damit diese Frage mit Nein beantwortet werden kann. - Ist der Kandidat der aktuelle Amtsinhaber?
A: Unsicher. Eigentlich ja, aber sollte Biden wirklich ersetzt werden, wäre die Antwort wohl nein. Außer Biden zieht sich komplett zurück und sowohl Kandidatur als auch die Präsidentschaft werden Kamala Harris überlassen. - Gibt es keine relevante dritte Partei?
A: Unsicher. Laut Lichtman bräuchten dritte Parteien für ein Nein zusammen 5% der Stimmen im Wahlergebnis und durchschnittlich 10% in den Umfragen, da diese sie historisch oft überschätzen. RFK Junior liegt aktuell bei recht stabilen 9%, dazu kämen Libertäre, Grüne und weitere Kandidaten. Allerdings wird nach denen in der Regel in den Kandidatenvergleichen auch nicht gefragt. - Ist die kurzfristige Wirtschaftsentwicklung der USA positiv?
A: Ja. Für Lichtman zählt hier ausschließlich das Wachstum als Kriterium. Da die USA sich höchstwahrscheinlich in keiner Rezession befinden werden, zählt dieser Punkt für Biden. - Ist die langfristige Wirtschaftsentwicklung der USA positiv?
A: Ja. Das durchschnittliche Wachstum in Bidens Amtszeit ist größer als in der vorherigen, weil sich die USA im letzten Jahr von Trumps Amtszeit in einer Rezession befanden. - Gab es in der Amtszeit wesentliche politische Veränderungen?
A: Ja. Joe Biden hat viele von Donald Trumps maßgeblichen exekutiven Verordnungen gekippt, ist wieder ins Pariser Klima und hat mit dem Inflation Reduction Act und den Infrastructure Investment and Jobs Act signifikante innenpolitische Gesetze verabschiedet, die den Kurs der Nation verändern. - Gab es keine anhaltenden sozialen Unruhen und Aufstände?
A: Unsicher. Bislang sind Unruhen, die die gesellschaftliche Ordnung bedrohen könnten, wie z.B. die BLM-Proteste unter Trump, ausgeblieben. Mit Blick auf die Eskalationsspirale politischer Gewalt ist es aber nicht auszuschließen, dass es dazu käme, vor allem durch MAGA-Aktivisten oder wachsende Pro-Palästina-Proteste. - Gab es keinen wesentlichen Skandal?
A: Ja. Entscheidend ist hier, dass es sich um eine korrupte Handlung handelt, die den Präsidenten direkt impliziert und überparteilich als solche anerkannt wird. Man kann es subjektiv als Skandal empfinden, dass man so einen alten Mann überhaupt antreten lässt, oder dass Hunter Biden gerichtlich verurteilt wurde, beides ist aber nicht relevant im Sinne dieser Kriterien. - Gab es keinen militärischen oder außenpolitischen Misserfolg?
A: Unsicher. Bislang sieht es nach einer Ja-Antwort aus. Der Rückzug aus Afghanistan oder die russische Invasion der Ukraine zählen nicht als relevante Fehlschläge, da sie allein noch nicht den Kern amerikanischer Interessen gefährden. Würde aber z.B. die Ukraine morgen komplett besiegt werden, wäre dies ein Fehlschlag, da die Unterstützung Kiews eine aktive strategische Entscheidung der Biden-Regierung war. - Gab es einen wesentlichen außenpolitischen oder militärischen Erfolg?
A: Unsicher. Aktuell tendieren die Dinge aber zu nein. Ein wesentlicher Erfolg wäre z.B., wenn die USA ein Friedensabkommen zwischen Israel und der Hamas aushandeln könnten, bei dem die Bombardements beendet und die Geiseln freigelassen werden. Über eine entsprechende Initiative des Präsidenten vom Mai dieses Jahres wird aktuell verhandelt. Eine Einigung scheint aber kurzfristig unwahrscheinlich. - Ist der Kandidat der Regierungspartei charismatisch?
A: Nein. Klares Nein. Wie bereits besprochen, sind Joe Bidens Beliebtheitswerte sehr schlecht und es gibt Zweifel an seinem geistigen Zustand. - Ist der Kandidat der Opposition uncharismatisch?
A: Ja. Trump hat den beinahe messianischen Rückhalt seiner Anhänger, genießt in der Mehrheitsgesellschaft aber keinen guten oder anderweitig inspirierenden Ruf. Er ist ähnlich unbeliebt wie Joe Biden, wobei sowohl Zustimmung und Ablehnung von ihm vermutlich intensiver sind. Man könnte meinen, dass der Anschlagsversuch ihn nun in eine charismatische Figur verwandeln würde, weil sich die Menschen hinter dem Opfer eines Verbrechens vereinigen. Allerdings ist das meiner Meinung nach sehr unwahrscheinlich. Gegen das Attentat auf Trump stehen Jahrzehnte seiner eigenen verschwörungserzählerischen und gewaltvollen Rhetorik. Zumal nicht abschließend geklärt ist, was die ideologischen Hintergründe des Täters waren. Der Schütze war registrierter Republikaner und wurde von zumindest einem Klassenkameraden als “definitiv konservativ” beschrieben. Andere meinten, er habe seine politischen Ansichten kaum geäußert. Sprich: Es könnte sich sowohl um ein rechtsextremes Motiv (z.B., dass Trump nicht konsequent genug sei, sondern ein Opportunist, der nur an sich selbst denkt) oder um ein rein persönliches, wahnhaftes Motiv handeln (wie z.B. bei der Ermordung Andrew Garfields oder dem Anschlag auf Ronald Reagan 1981). Das mindert die Wahrscheinlichkeit, dass Trump zum “Märtyrer” der breiten Masse aufsteigt, noch weiter.
Wir zählen also fünf von acht nötigen Punkten sicher für Biden, zwei von sechs nötigen Punkten sicher für Trump. Mit den unsicheren zusammen gibt es neun Punkte, die aktuell zu Biden und vier, die zu Trump tendieren. Da kann sich aber, wie bereits gesagt, noch sehr vieles ändern.
Die Forscherinnen und Forscher bei 538 sehen das Rennen aktuell auch eher als Münzwurf und nicht als bereits ausgemacht (Stand 17.07.2024). Ihr Modell berücksichtigt sowohl Umfragen als auch sogenannte „fundamentals“, also die latenten, langfristigen Faktoren, die einen Wahlausgang beeinflussen. Aktuell rechnen sie Biden eine Chance von 54% und Trump eine von 46% aus, die Wahl zu gewinnen. Damit ist Bidens Siegeswahrscheinlichkeit in den der letzten zwei Wochen sogar gestiegen, denn Anfang Juli, kurz nach der Debatte, waren diese Zahlen noch andersrum. Eine Übersicht zur Methodologie von 538 findet ihr hier.

Nun bin ich selbst der erste, der zu Skepsis gegenüber solchen Modellen raten würde. 2020 hatte 538 Biden noch eine Chance von 90% berechnet. Klar, das Endergebnis stimmte mit dieser Prognose zwar technisch gesehen überein, befand sich aber deutlich am unteren Ende der erdenklichen Szenarien. Biden gewann über vierzig Electoral Votes weniger und mit einem circa vier Prozentpunkte geringerem Stimmenabstand als im Median des damaligen Modells. Und Nate Silver, der einstige Gründer von 538, schätzt die Wahrscheinlichkeit für einen Trump-Sieg auf etwa zwei Drittel in seinem Modell.
(Fun Fact: Nate Silver und Allan Lichtman können einander nicht leiden. Big surprise!)
Allerdings denke ich – und vielleicht ist das Wunschdenken – dass die Dynamik dieser Wahl entgegen der allgemeinen Wahrnehmung einem Biden-Sieg in die Karten spielt. Allerdings in der Tat nur unter sehr engen Bedingungen. Und noch hat Donald Trump jede Chance, den Wahlsieg zu holen. Denn die Nervosität der Demokraten, die gefährliche Energie seiner Anhängerschaft sowie Bidens altersbedingte Schwäche beflügeln ihn gewiss. Aber aus anderen Gründen, als man allgemein annehmen würde.
Es ist in den letzten Wochen ausführlich darüber berichtet worden, dass eine große Mehrheit der Amerikaner den Präsidenten wegen seines Alters für amtsunfähig hält. Das mag an sich noch kein Todesurteil sein. Bei Ronald Reagan lagen diese Zahlen vor seiner Wiederwahl bei etwa zwei Dritteln der Amerikaner, die das dachten. Nun sind diese Zahlen bei Biden vor allem nach der Debatte aber noch höher als bei Reagan, Joe Biden kein Ex-Schauspieler und der innenpolitische Druck auf ihm immens. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, zähle ich auch zu den Leuten, die so empfinden. Seit 2019 besteht meine Twitter-Bio aus dem berüchtigten Biden-Zitat “Corn Pop was a bad dude!” Schon damals war ein deutlicher kognitiver Abstieg etwa im Vergleich zu seiner Debatte gegen Paul Ryan im Jahr 2012 erkennbar. Außerdem war ich nie ein wirklicher Fan von Joe Biden oder Kamala Harris. Persönlich hätte ich lieber einen Bernie Sanders oder Elizabeth Warren im Weißen Haus gesehen. Der Grund, warum sich Biden – nach einem desaströsen Start in Iowa und New Hampshire , wo er Viert - und Fünftplatzierter wurde – durchsetzen konnte, ist, dass die Demokraten den Kandidaten gewählt haben, von dem sie dachten, dass er am ehesten Donald Trump schlagen könne. Dieses Kalkül rächt sich nun. Und das meiner Meinung nach zurecht. Zu lange ist seine Kognition medial ignoriert und vom Weißen Haus so weit wie möglich verdeckt worden.
Dennoch glaube ich, dass er gewinnen kann unter folgenden Bedingungen:
- Biden muss die Demokratische Partei geeint halten. Entweder schafft er es, eine Palastrevolte gegen seine Nominierung zu verhindern oder er übergibt die Staffel an Kamala Harris, falls der Druck tatsächlich zu hoch ist. In diesem Fall sollte er aber auch direkt als Präsident zurücktreten. Das ist nicht nur das, was Lichtmans Vorhersage-Modell nahelegen würde (siehe Punkt 3 oben), sondern es ergäbe auch einfach am meisten Sinn. Warum sollte er noch in der Lage sein, das Land weiterzuführen, wenn seine Partei ihm nicht mal zutraut, einen Wahlkampf zu führen? Auch wenn nach den meisten Umfragen (sofern man die als Entscheidungsgrundlage nutzen will) nicht sicher ist, ob Harris wirklich besser abschneiden würde als Biden, wäre das wohl der beste Kompromiss zwischen denen, die Biden behalten wollen und denen, die eine Open Convention einfordern. Letzteres sollte auf alle Fälle verhindert werden. Zwar wird das von prominenten Stimmen wie dem großartigen Jon Stewart gefordert, aber eine Open Convention wäre ein extremes Risiko für die Demokraten. Um es wieder mit Lichtman zu verdeutlichen: Mit einer Open Convention würden die Demokraten weder einen Amtsinhaber zur Wiederwahl noch einen Kandidaten geschlossen aufstellen. Dann müssten nur noch zwei weitere “Keys” fallen, um Trump gewinnen zu lassen statt vier. Man darf nicht unterschätzen, wie wichtig die Einigkeit in einer Regierungskoalition für die Wahrnehmung ihrer Kompetenz ist (siehe Ampelkoalition).
- Biden muss es schaffen, weitreichende Ausschreitungen zu verhindern. Aktuell scheint es so, als würde es dazu reichen, zumindest bis zum Wahltag. Die Demokraten haben angemessen auf das Attentat reagiert – vielleicht sogar etwas zu angemessen, wenn man bedenkt, dass dieses Verhalten nicht erwidert wird. Politische Gewalt wird aber langfristig ein Thema bleiben und uns nach der Wahl noch beschäftigen, da Trump keine Niederlage akzeptieren dürfte. Es ist deshalb wichtig, die Republikaner für jede Erhitzung des Wahlkampfs ermahnen und die eigenen Errungenschaften zu betonen.
- Der Präsident muss seinen Finger auf dem Puls der Außenpolitik halten und glaubhaft machen, dass die USA jede neue Aggression ahnden werden. Das bedeutet: Keine russische Eskalation in der Ukraine und keine weitere Eskalation in Nahost.
Auch wenn das nicht direkt offensichtlich ist, ist Bidens Alter in allen drei Punkten ein relevanter Faktor. Wenn seine eigene Partei nicht glaubt, dass sie mit ihm die Wahl wird gewinnen können, werden sie ihn austauschen. Wenn er es weiterhin nicht schafft, öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren, könnte das den inneren Frieden der USA gefährden, weil der Auftritt eines Präsidenten stark dazu beitragen kann, die Stimmung im Land zu erhitzen oder abzukühlen (siehe Negativbeispiel Trump 2020). Und wird er international als Person nicht ernstgenommen, macht es das wahrscheinlicher, dass Putin meint, den Krieg weiter eskalieren zu können, oder dass der Trump favorisierende Benjamin Netanjahu sich schlichtweg über die USA hinwegsetzt.
Diese Wahl ist also kurzgesagt davon abhängig, ob Joe Biden in der Lage ist, das Land tatsächlich sachpolitisch durch seine aktuellen Krisen zu führen. Sein geistiger Zustand spielt dafür eine Rolle, aber vor allem seine Urteils- und Durchsetzungsfähigkeit. Wiederkehrende Sprachaussetzer sind allein noch nicht deterministisch für seine Niederlage. Es gibt Argumente und Wege, Biden auszutauschen, aber nur die Vizepräsidentin ist durch ihr Amt dafür geeignet - auch wenn sie selbst alles andere als eine strahlende Persönlichkeit sein mag. Die Demokraten wollen, dass sich die Amerikaner in dieser Wahl für Stabilität entscheiden, also müssen sie im Auftritt als auch sachpolitisch alles tun, um Stabilität auszustrahlen. Um es mit Konrad Adenauer zu sagen, der übrigens 84 war, als er das letzte Mal zum Bundeskanzler gewählt wurde: Keine Experimente!
Wer es bis hierhin geschafft hat, darf sich noch diesen Klassiker anschauen:
Und wer damit fertig ist, guckt Jon Stewarts Kommentar zum Parteitag der Republikaner: