Wie wir über Krisen reden.

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Wie wir über Krisen reden.
Photo by Hush Naidoo Jade Photography / Unsplash

Johannesburg sieht sich aktuell der „größten Wasserkrise aller Zeiten“  gegenüber. Ein Problem, das nicht unerwartet und nur unter anderem aufgrund der Hitze kam. Aber gerade daran wird sichtbar, was ich immer häufiger zu beobachten glaube - in der Berichterstattung, in der gesellschaftlichen Diskussion und im Umgang mit dem Problem selbst. Sichtbar wird, hier beispielhaft an der Wasserkrise in Johannesburg, wie wir der Klimakrise begegnen, sichtbar wird, wie wir generell über das Problem zukünftiger Risiken reden und sichtbar wird unsere potenziell größte Herausforderung, die unnötige Diskussion über das Selbstverständliche. 

Laut dem neuen UN World Water Report leidet weltweit in etwa die Hälfte der Bevölkerung saisonal unter Wassermangel. Konkret heißt Wassermangel heute, dass 2,2 Milliarden Menschen regelmäßig keinen Zugang zu sauberem Wasser und 3,5 Milliarden keinen Zugang zu Sanitätsanlagen haben. Das ist vor allem auf Bevölkerungswachstum und industrielle Entwicklung zurückzuführen. Dabei ist die Verbrauchsentwicklung aber weniger das Problem als der Grund, denn mit gerade mal mit 1% Wachstum jährlich ist dieses auf den ersten Blick weitaus weniger dramatisch als vielleicht gedacht.[1] Problematisch sind eher die Umstände unter denen der Verbrauch steigt und welche der Umstände dieses Problem noch verstärken. Doch was heute schon lange bekannt ist, wird mit der Klimakrise noch relevanter: das Wasser, das wir haben, wird wesentlich wertvoller. Wenn der Anstieg des Verbrauchs doch relativ gering ist, müsste sich das Problem ja in den nächsten Jahren/Jahrzehnten lösen lassen. Und hier greift der wirklich interessante Punkt. Nämlich die Frage, wie wir mit den Ressourcen in Zukunft umgehen und ihre Verteilung managen. Der UN World Water Report endet mit den Worten:

„When it comes to water, sharing truly is caring. The choice is ours.“

Heißt konkret, ob in Zukunft Menschen überall auf der Welt leiden oder nicht, ist eine Frage des Managements, nicht der Menge. Es geht darum, wie wir mit dem Wasser, was wir haben umgehen und ob wir es schaffen, dass es da ankommt, wo es hin soll. Dafür braucht es Investitionen. Die Schätzungen bewegen sich, je nachdem wen man fragt, zwischen 700 Milliarden und 1 Billionen US-Dollar [2]. Die werden vor allem für den Aufbau neuer Infrastruktur aber auch von Abwasseraufbereitung benötigt. Und obwohl wir uns die Frage des Wertes von Wasser schon länger stellen,[3] bekommt sie dieses Mal eine neue Bedeutung. Wir müssen beweisen, dass wir als Gesellschaft die Klimakrise nicht nur „managen“ können, sondern auch in der Lage sind die Schwächsten schützen. So weit so gut. Was hat das alles aber mit Johannesburg zu tun. 

Infographic: The World Map of Drought Risk | Statista You will find more infographics at Statista

Wer sich auch nur am Rande mit Wassermangel weltweit beschäftigt, wird es in den vergangenen Jahren mitbekommen haben, Johannesburg hat ein großes Problem mit grundlegender Daseinsvorsorge. Seit Jahrzehnten kämpft ganz Südafrika gegen eine Energiekrise, das Problem geht so weit, dass sich sogar das Verfassungsgericht damit auseinandergesetzt hat und sogar ein eigener Wikipedia-Artikel existiert [4]. Die immer wiederkehrenden Probleme in der Stromversorgung lassen sich vor allem auf bröckelnde Infrastruktur zurückführen. Es ist allerdings mittlerweile so normalisiert, dass es für das Anpassen an stundenlange Stromausfälle sogar ein Wort gibt: “loadshedding”. 

Dieser Begriff wurde nun für das angesprochene Wasserproblem zu “watershedding” adaptiert, denn die Probleme erstrecken sich über die gesamte Daseinsvorsorge [5]. Wasser ist im Frühjahr nochmal teurer geworden und muss mit Tanklastern ausgeteilt werden. Schaut man sich das Problem etwas sachlicher an, sind die Leitungen der Johannesburger wohl aufgrund folgender vier Faktoren trocken:

1.     Besonders hoher Wasserverbrauch im lokalen und globalen Vergleich

2.     Kaputte Infrastruktur und verschleppte Sanierungsvorhaben über Jahrzehnte

3.     Überlastung der sowieso schon maroden Infrastruktur

4.     Fehlende langfristige Perspektive auf gesellschaftlicher und politischer
Ebene [6]

Johannesburg verliert aktuell 40% des in die Leitungen eingespeisten Wassers auf dem Weg zum Bürger. Die Leitungen lassen sich kurzfristig nicht Instand setzen und die oben angesprochenen übrigen Probleme schon gar nicht kurzfristig lösen.6

Was hat das aber nun mit uns zu tun? 

Landwirte in Deutschland haben schon heute mit Trockenheit, mit Wasserverteilung und am Ende mit – und jetzt kommt's – dem gleichen Problem wie Johannesburg zu kämpfen, nämlich Wassermanagement. Wir müssen uns einen ausgewogenen Dialog angewöhnen in Bezug auf die klimapolitische Anpassung und das hier ist mein Versuch eines Beitrags:

So wie Johannesburg und die ANC, schaffen wir es gerade ebenso wenig über das Problem Infrastruktur und Wassermangel ernsthaft zu sprechen, es ist noch immer nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bevor ich zu meiner These des vermeintlich grünen und zu oft heraufbeschworenem Diktat komme, eine kurze Bestandsaufnahme.

Grafik:Umweltbundesamt

In Deutschland verteilt sich der Wasserverbrauch anteilig gleichmäßig. Ein Großteil entfällt auf die Energieversorger (aktuell ~44%), ein knappes Viertel auf Bergbau und verarbeitendes Gewerbe (ca. 26%), ein weiteres Viertel auf die öffentliche Wasserversorgung (~26%) und ein relativ geringer Teil von 2,2% auf die Landwirtschaft [7]. Dabei ist ein entscheidender Trend zu erkennen. Ein Großteil des in den vergangenen Jahrzehnten eingesparten Wassers ist auf Bemühungen der Energiebranche zurückzuführen. Dieser Trend wird sich, Stand jetzt, auch so fortsetzen. Gegenläufig ist der Trend der Landwirtschaft, welche bis vor ein paar Jahren nicht mal erkennbar war auf dem Diagramm, deren Verbrauch nun aber stetig steigt. Und obwohl die Verbräuche stark rückgängig sind, ergibt sich jedoch so langsam ein Problem. Die Frage, wer in Zukunft das Wasser bekommt, was sich in Deutschland überhaupt noch an Wasser finden lässt und wie wir es schaffen, möglichst viel Wasser auch in Zukunft bereitstellen zu können. 

Die Zukunftsprognosen für das deutsche Wasservorkommen sehen relativ düster aus. Der ehemalige wissenschaftliche Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung drückte es 2019 so aus:

„Wer wissen will, wie das normale Wettergeschehen im Jahr 2050 aussehen wird, braucht sich nur das Jahr 2018 anzuschauen!“ [8]

Zur Erinnerung, 2018 sah es in Deutschland so aus:

TTC-PencilCC BY-SA 4.0via Wikimedia Commons Mimikry11 (Diskussion)CC BY-SA 3.0via Wikimedia Commons BigcubefanCC BY-SA 4.0via Wikimedia Commons

Die Gründe dafür sind zweierlei. Zum einen die immer weiter steigenden Temperaturen und zum anderen immer geringere Niederschläge.[9] In der Kombination sorgt das für Wassermangel an genau den Orten, welche sowieso schon tendenziell weniger zu Verfügung haben.9 Die zentrale Folge: Das Grundwasser, was früher wieder „aufgefüllt“ wurde im Laufe der Zeit, hat keine Möglichkeit mehr sich zu erholen und der Grundwasserspiegel sinkt Stück für Stück.9 Das Umweltbundesamt schreibt selbst, dass Stand jetzt keine zuverlässigen Prognosen getroffen werden können. Ein paar Modellrechnungen bestehen allerdings schon. Es lohnt sich mal reinzuschauen 12 3 (es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit, Tipps sind willkommen). 

Nun aber zu dem Punkt auf den ich zuvor schon eingegangen bin. Das Problem ist nicht die Menge, sondern das Management. Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches stellt fünf Handlungsbereiche auf, um Wasser besser zu managen aber auch mit den vorhandenen Ressourcen besser umzugehen

1.     Durch langfristige Planung auf Bundes-, Landes- und Regional-Ebene, ist Ressourcenschutz gesellschaftlich fester zu verankern [10]

2.     Der Eintrag von landwirtschaftlicher und medizinischer Wasserverschmutzung muss verhindert und besser reguliert werden [11]

3.     Die bestehenden Regeln zum Wassermanagement müssen konsequenter durchgesetzt werden [12]

4.     Die Instandhaltung der Infrastruktur muss strukturell gefördert und besser finanziert werden [13]

5.     Es braucht gesamtgesellschaftlich aber auch auf Seiten der Kommunen eine bessere Vorbereitung auf Krisensituationen [14]

Es sind also die Landwirtschaft und die Forstwirtschaft die von der Problematik am stärksten betroffen sein werden - denn ohne Wasser lebt nix und wänchst schon Garnichts. Sie sind aber nicht der Grund, zumindest noch nicht. Wir werden in Deutschland keine großen Dürren erleben. Was aber kommen wird, sind lange Perioden ohne Regen und das ließe sich, jetzt, durch konstruktiven Dialog vorbereiten. Bei Betrachtung wird klar, dass die Problemstellung, der wir uns gegenübersehen, aktuell gar nicht so weit entfernt ist von jener, welche sich aktuell in Johannesburg abzeichnet. Es wird klar, dass wir gerade dabei sind, die Fehler, die in Johannesburg gemacht wurden, hier zu wiederholen. 

Meinung

Ich weiß, dass auf Bundes- und EU-Ebene seit einiger Zeit an diesen Themen gearbeitet wird, aber die Vergangenheit hat meiner Meinung nach gezeigt, dass wir die großen Herausforderungen nur bewältigen, wenn wir uns gemeinsam auf Lösungen einigen. Wenn wir gemeinsam den Wasserverbrauch senken. Unsere Gärten resilienter machen. Unsere Landwirtschaft unterstützen. Das Interessante ist doch folgendes, und hier kommen wir zu Johannesburg zurück: wir wissen und wir fühlen schon heute, wie es in Zukunft in Deutschland aussehen wird. Wir wissen, dass es ein worst-case Szenario gibt und wir wissen, wie wir dem Problem begegnen könnten

Stand jetzt laden wir aber das gesamte Problem von heute auf morgen bei den Landwirten ab und hoffen, dass der Gesetzgeber früh genug was organisiert.[15] Nur reicht das eben diesmal nicht. Und wenn wir so weitermachen, sieht Landshut bald so aus wie Johannesburg. Vielleicht nicht direkt Landshut aber mit Sicherheit irgendein Ort in Deutschland [16]. Vor kurzem hat der SZ-Redakteur Uwe Ritzer sein Buch zum Thema Wassernotstand in Deutschland vorgestellt.[17] In dieser Rolle saß er dann bei Markus Lanz und durfte in den letzten 10 Minuten kurz vorstellen, warum das mit dem Wasser alles ganz doof ist. Davor stritten sich irgendwelche „Expert*innen“ vorher stundenlang darüber, wer wann wem ein Furzkissen auf den Stuhl gelegt hat und wie das eigentlich mit dem Heizungsgesetz ist.[18] Das geht so nicht. Das können wir besser und das muss auch besser. Denn wenn wir es nicht tun, sind wir kein bisschen besser und tragen gleichzeitig nur unsere postkoloniale Hybris zur Schau.

Es ist Zeit, dass wir anders über Krisen reden. Konstruktiv, ohne parteiliche Färbung, vor allem aber gesamtgesellschaftlich. Denn wenn auch vieles unbeeinflussbar bleibt, haben wir es diese Mal tatsächlich selbst in der Hand. Packen wir es also an.

 

Empfehlungen

Einen guten Überblick über das Thema Wassermangel generell liefert das folgende Interview mit Dr. Andreas Marx vom Helmholtz-Institut.

Einen guten Überblick zum Stand wie die Zivilgesellschaft und Verwaltung aufgestellt ist, liefert dieses Interview mit Uwe Ritzer.


[1]vgl. Tageszeitung, Taz. Die: UN-Bericht: Wasserknappheit nimmt zu, in: TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH, 22.03.2024, https://taz.de/UN-Bericht/!5999742/. 

[2] vgl. Kammen/Sunter, 2016., https://doi.org/10.1126/science.aad9302 ; vgl. Slopes: Water: the trillion-dollar investment gap, in: Corporate & Institutional Banking, 14.09.2023, https://cib.bnpparibas/water-the-trillion-dollar-investment-gap/.

[3] vgl. Carson, Richard T./Robert Cameron Mitchell: The Value of clean water: The public’s willingness to pay for boatable, fishable, and swimmable quality water, in: Water Resources Research, Bd. 29, Nr. 7, 01.07.1993, doi:10.1029/93wr00495

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/South_African_energy_crisis#Ageing_infrastructure

[5] vgl. Magome, Mogomotsi: South Africa water crisis: Taps dry in Johannesburg | AP News, in: AP News, 21.03.2024, https://apnews.com/article/south-africa-johannesburg-water-crisis-weather-fa8c921c6a063a31aec37e05864d61fb.

[6] vgl. The University of the Witwatersrand, Johannesburg: 2024-02 - Why taps are running dry in South Africa’s biggest city - Wits University, 28.02.2024, https://www.wits.ac.za/news/latest-news/opinion/2024/2024-02/why-taps-are-running-dry-in-south-africas-biggest-city.html.

[7] vgl. Wilke, Sibylle: Wasserressourcen und ihre Nutzung, in: Umweltbundesamt, o. D.b, https://www.umweltbundesamt.de/daten/wasser/wasserressourcen-ihre-nutzung#deutschlands-wasserfussabdruck.

[8] Prof. Dr. Georg Teutsch, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung GmbH (UFZ), am 28.11.2019 auf der gat/wat 2019.

[9] vgl. Schiller, Antje: Trockenheit in Deutschland – Fragen und Antworten, in: Umweltbundesamt, 10.09.2023, https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/extremereignisseklimawandel/trockenheit-in-deutschland-fragen-antworten#stichwort-anpassung-was-konnen-wir-tun-um-uns-besser-auf-trockenheit-und-durre-vorzubereiten-.

[10] https://www.dvgw.de/themen/wasser/wasser-impuls/vorrang-der-oeffentlichen-wasserversorgung

[11] https://www.dvgw.de/themen/wasser/wasser-impuls/minimierung-der-eintraege-ins-wasser

[12] https://www.dvgw.de/themen/wasser/wasser-impuls/technische-selbstverwaltung-und-dvgw-regelwerk

[13] https://www.dvgw.de/themen/wasser/wasser-impuls/substanz-und-werterhalt-der-wasserinfrastruktur

[14] https://www.dvgw.de/themen/wasser/wasser-impuls/zukunftsbilder-2030-2100

[15] https://www.spiegel.de/panorama/trockenheit-landwirte-sollen-fuer-wasser-zahlen-a-05549bce-a3f6-4692-b6ab-76711e122b17

[16] https://www.wri.org/applications/aqueduct/country-rankings/?country=DEU&indicator=bws

[17] https://www.sueddeutsche.de/autoren/uwe-ritzer-1.1408961

[18] https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-13-juli-2023-100.html

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