Vorsicht vor den Takes der Zentristen!

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Vorsicht vor den Takes der Zentristen!
Stars, Stripes & Stimmzettel

Ich habe mich schwergetan einen zweiten Artikel zu schreiben. Nachdem Lara mich gebeten hatte, etwas zu diesem Blog beizutragen – konkret zur US-Politik, da das seit meiner Jugend ein leidenschaftliches Thema von mir ist – habe ich den ersten Artikel fix am darauffolgenden Wochenende geschrieben. Seitdem habe ich einige Ideen gehabt, aber mir vermutlich innerlich zu hohe Hürden gesetzt, anstatt einfach mal loszuschreiben.  

Einfach irgendwie anfangen. Eigentlich das Motto dieses ganzen Blogs. Und auch das meines Therapeuten, der in solchen Situationen sagen würde: “Einfach machen, Herr Matison. Das ist einfach, aber nicht leicht!”  

Also gut, dann mache ich es mir halt einfach und versuche, diesem Format heute etwas mehr Kontur zu geben. Und das geht natürlich immer dann am einfachsten, wenn man sich negativ definiert. Also über die Dinge, die man nicht werden will. Was will ich nicht werden? Was ist meine größte Angst, seitdem ich mich als linker Sozialdemokrat für den meine Prinzipien kompromittierenden Weg entschieden habe? Also als Zentrist zu enden! 

In seinem ersten Artikel für diesen Blog hat Florian einen Kommentator für all jene empfohlen, die über US-Politik auf dem Laufenden bleiben wollen: Der ehemalige CNN-Moderator Chris Cillizza. Ich – zu diesem Zeitpunkt noch völlig uninvolviert in den Inhalt dieser Seite – habe mich passioniert vor meinem Bildschirm darüber aufgeregt. 

Denn Cillizza ist ein altes Hassobjekt für mich. So wie Kendrick Lamar Drake hasst, so sehr hasse ich Chris Cillizza. Oder zumindest fast. Schon zu Zeiten der Demokratischen Vorwahlen zählte ich zu seinen verlässlichsten Hatern. Das fing an bei seinen lächerlichen, regelmäßig erscheinenden “Power Rankings” für mögliche Präsidentschaftskandidaten, in denen aufgelistet wurde, wer denn gerade die größte Wahrscheinlichkeit auf die Nominierung hätte. Da war dann schon mal Kamala Harris auf Platz 1 (sie ist vor den ersten Vorwahlen ausgeschieden) oder Beto O’Rourke, Kirsten Gillibrand und Cory Booker vor Bernie Sanders. Cilliza persönlich hielt Amy Klobuchar, eine Frau mit dem Charisma eines Pappaufstellers, und Pete Butgieg, ein Mini-Macron mit einer Zustimmungsrate unter schwarzen Wählergruppen im einstelligen Prozentbereich, für am geeignetsten. Meinungen, die schockierend realitätsfremd, aber in jenen Tagen üblich unter Analysten von CNN, MSNBC, ABC News und Co waren. 

Cilliza ist mit seinen horrenden Meinungen, seinem Charisma, das wiederum dem von Amy Klobuchar gleicht und einem Gesicht, als wäre er Kevin Spaceys verstoßener Halbbruder, die Karikatur von zentristischen “Conventional Wisdom”-Takes in den “Legacy Corporate Media”-Institutionen. Also ein perfektes Feindbild für meinen kleinen Selbstfindungsprozess. Lasst uns ein paar Positionen raussuchen, für die diese Reihe nicht stehen soll! (Dieser Artikel bin ich, wie ich hate.) 

Hier direkt etwas aus seinem Newsletter, den Florian mir vor ein paar Tagen geschickt hat: Es geht darum, wie Joe Biden im Wahlkampf über Donald Trump reden soll. Im Grunde ist es eine strategische Wahl zwischen Ignorieren oder Draufhauen. Biden hat sich wohl für das Letztere entschieden. Ganz in zentristischer Manier ist Cilliza sich nicht ganz sicher, was er davon gut finden soll, stellt aber fest, dass Hillary versucht habe, Trump zu ignorieren und sie habe ja schließlich verloren. Das exakte Zitat lautet: 

And so, even as Trump would question whether Clinton had a terminal illness she was hiding or allege rampant corruption that she had overseen in the White House as First Lady, she largely ignored him. She focused on the issues. On her qualifications to be president. 

And, as you may have heard, she lost. 

After that defeat, there was a broad acknowledgment among Democratic strategists that Clinton’s strategy, which was predicated on the idea that there was no way someone as loathsome as Donald Trump could be elected president, was deeply misguided. 

Mein Problem liegt hier wieder mal in der Analyse: zu sagen, dass Hillary Clinton verloren hätte, weil sie sich nicht genug auf Trump fokussiert hätte, ist Unfug. Der gesamte Wahlkampf 2016 drehte sich um Trumps Person. So sehr, dass US-Medien Trump schätzungsweise 2 Milliarden Dollar an Gratiswerbung durch Sendezeit verschafft haben. So sehr, dass Hillary Clintons Wahlkampfslogan “Love Trumps Hate” lautete. Den Gegner so sehr in die eigene Kampagne einzubinden ist doch kein Fokus auf Sachpolitik. Und effektiv ist es auch nicht wirklich. Was soll jetzt Cillizas Analyse aussagen? Der Ton war nicht rau genug? Hätte sie mehr wie Trump sein sollen?  

Mit einer Sache hat er aber Recht: Sie hat sich zu sehr auf Ihre Qualifikation fokussiert. Genau genommen überhaupt zu sehr auf sich selbst. Ich, ich, ich. Ähnlich wie schon bei Jeb Bush kam die Botschaft an “Ich habe es verdient, Präsidentin zu sein. Ich bin jetzt auch mal dran.” Deshalb hatte Bernie Sanders’ Slogan im Vorwahlkampf auch so sehr einen Nerv getroffen: “Not me. Us.” Exemplarisch dafür ist ein Tweet, in dem Sie an ihrem Geburtstag ein Kindheitsfoto postete und dazu “Happy Birthday to this future president” schrieb. Dieser Tweet ist bis heute online! Hillary hat verloren, weil sie die Demokraten kompromisslos auf ihren Mitte-Kurs einschwören wollte, wogegen es nach acht desillusionierten Obama-Jahren Widerstände gab. Und nein, sie hat nicht verloren, weil zu viele Bernie-Wähler für Jil Stein, Trump oder Gary Johnson gestimmt hätten. Mehr Bernie-Supporter haben für Hillary gestimmt als Hillary-Supporter 2008 für Obama.  

Wow, es macht Spaß irgendwelche Meinungen mit zu viel Selbstsicherheit in die Tastatur einzuhacken, und davon kann man leben? Okay, weiter, was noch? 

Ich öffne Cillizas YouTube-Kanal. Sein letztes Video handelt von “Kristi Noems dog disaster”. Hm. Ja. Ich denke sowas machen wir auch nicht. Ich meine, wenn man in sein Buch schreibt, dass man seinen eigenen Hund erschossen hat, werden sich wohl Leute drüber aufregen. Aber ehrlich gesagt, hätte ich nicht den Drang darüber ein vierminütiges Video hochzuladen. Und auch noch behaupten, dass das der Grund sei, warum Donald Trump sie nicht zu seiner VP-Kandidatin machen würde, als würde es irgendwen interessieren. Wir sind nicht im Jahr 1988. Der Zug namens Civility Politics ist lange abgefahren. Inhalte, die in die Bunte oder eine Folge Markus Lanz passen, sparen wir uns hier! 

Ein nächstes Video: Och nö, er behauptet ernsthaft, dass Joe Biden eine intensivere Wahlkampftour machen sollte. Wir reden hier von einem Mann, der bereits im Vorwahlkampf 2019 auffällige kognitive Aussetzer hatte.

Ich weiß noch, dass seitdem meine Twitter-Bio “Corn Pop was a bad dude” lautet, basierend auf einer legendären Rede aus dem Jahr 2017 hier oder hier. Biden war immer eine “Gaffe Machine”, aber wenn man seine Debatten gegen Sarah Palin 2008 und vor allem Paul Ryan 2012 mit denen aus dem (Vor-)Wahlkampf 2020 vergleicht, liegen schon Welten dazwischen. Seitdem ist es ja auch nicht besser geworden, wie zahlreiche Momente seiner Präsidentschaft gezeigt haben. Gebt dem Mann seine Medikamente, verschreibt ihm ein paar Aufputschmittel und dann mag er seine Momente haben, wie die letzte “State of the Union”-Rede bewiesen hat. Aber Vollzeit-Wahlkampf ist zu viel. Cilliza meint, Biden müsse das Risiko eingehen. Warum? Begründet er nicht. Aber er ist fest überzeugt, dass Biden eine große Rede über sein Alter halten soll. Um Gottes Willen.  

Der Hauptpunkt von diesem Video: Biden habe endlich eine gute Strategie gefunden, um über sein Alter zu reden. Ja, ich bin alt, aber meine Ideen sind es nicht! Wow, originell. Es mag sein, dass Trumps Ideen deutlich regressiver sind als Bidens, aber der Mann ist ideologisch der Inbegriff der alten Garde der Demokratischen Partei. Er war pro Crime Bill, pro Irakkrieg, gegen Bussing, gegen Single Payer, in der Regel für Inkrementalismus. So weit so gut, aber dieses Framing macht für einen Progressiven wie Bernie Sanders Sinn, der auch aneckt, nicht für Biden. Und wenn man als Präsident die wählende Bevölkerung von seinen Ideen überzeugen will, hilft es am allermeisten, gut zu regieren. Und da sind wir wieder bei:  

It’s governing, not campaigning, that matters! 

 Vielleicht ja tatsächlich ein guter, positivistischer Leitsatz für diese Reihe. Wohin einen skrupelloser Hate gegen zentristische Hassfiguren doch führen kann. Florian, tut mir leid, falls ich damit jetzt den Medienmann deines Vertrauens beleidigt habe, aber du hast da auf jeden Fall was wachgekitzelt. Ich weiß jetzt nur nicht mehr, ob ich mich noch für mein nächstes Praktikum beim US-Konsulat in Hamburg bewerben sollte. Die prüfen in der Regel ja alles sehr penibel. Aber ganz ehrlich, ich habe diesen Text freischnauze um 2 Uhr nachts runtergetippt und ich stehe dazu – that's as American as it can be, baby!  

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