Warum Liebesfilme unausstehlich sind und was Lakritze damit zu tun hat, dass ich sie nicht alle hohl finde
Wie folgt stellt es sich dar:
Nach unzähligen Gesprächen über Filme und unzähligen Aufforderungen von Flori, doch bitte endlich mal eine Kritik zu schreiben - Ich könnte dies ja bestimmt ganz gut - ergriff ich den Entschluss, eben keine Kritik zu schreiben, sondern Sie lieber Leser mit auf einen (hoch intellektuell wäre wohl hoch übertrieben) Spaziergang durch meine Gedanken zu verschiedenen Filmproduktionen zu nehmen. Es folgt also: Warum Liebesfilme unausstehlich sind und was Lakritze damit zu tun hat, dass ich sie nicht alle hohl finde.
Spoilerwarnungen spreche ich keine aus. Ein guter Film ist auch dann noch ein guter Film, wenn man weiß, was in ihm passiert. Wenn ein Film billige Storytelling Effekt wie den Plot- Twists als einziges Alleinstellungsmerkmal hat, dann sollten Sie ihn sowieso nicht schauen.
Worüber reden wir, wenn wir von Liebe reden? Das Kino scheint Antworten auf diese Frage in so gut wie allen Filmen zu geben. Abgedroschen und ausgeleiert. Die Filmindustrie ist zu doof. Sie muss erst bankrott gehen.
Die unfassbare Hohlheit, in der sich all jene romantischen Filme uns präsentieren, mag wohl ein Grund sein, warum ich um dieses Genre immer einen großen Bogen gemacht habe. Nichts ist ermüdender als die gleiche Storytellingformel, die gleichen Charakterstereotype, die gleichen Szenen und die gleiche Musik jedes Mal aufs Neue mit anderem Titel und ab und zu mal mit anderem shooting star (wenn es mal nicht Ryan Gosling ist). Nicholas Sparks hat das zur Perfektion getrieben und bestimmt könnte man jetzt ganz wissenschaftlich irgendwie mit Greenberg's „Avantgarde und Kitsch“ irgendetwas in höchst fundierter Kulturwissenschaftlermanier daher schwadronieren. Oder wir einigen uns einfach darauf, dass es Schnulz ist.
Wenn mich dann nun jemand fragt, welchen Liebesfilm ich ihm empfehle, dann fällt die Antwort immer gleich aus: Blue Valentine. Der Arme geht voll Vorfreude also nach Hause und stellt sich darauf ein etwas unfassbar Romantisches zu sehen, bekommt aber letztendlich eine Dekonstruktion von einer diesen hunderttausend Erzählungen. Das ach so romantische Paar, gespielt von Michelle Williams und Ryan Gossling (wer auch sonst), zerstreitet sich, Alkohol wird missbraucht, es kommt zu Gewalt und am Ende verbleibt sie allein mit dem Kind. Traurige Realität statt Sparks Liebesfunken. Erfrischend!
Nun darf ich mit Freude verkünden, dass sich in die Hall of Chris recommends ein weiterer Romantischer Film hinzugesellt hat: Licorice Pizza von Paul Thomas Anderson. (Wer sich fragt, was es mit dem Titel auf sich hat, hier eine Erklärung: Ausgesprochen wird es Lakritz-Pizza und gemeint sind damit Schallplatten)
Es waren vor allem zwei ausschlaggebende Punkte, die mich dazu veranlasst haben, diesen Film sehen zu wollen:
1. Er ist von Paul Thomas Anderson
Der gleiche Mann, der auch einen Film gedreht hat über einen Mann, der Öl bohrt (There Will Be Blood). Was banal klingt, entpuppt sich als großartige Charakterstudie, Kapitalismus- und Religionskritik. Anschaupflicht!
2. Im Trailer lief „Life on Mars“ von David Bowie.
Und ja, es macht mich schon etwas stutzig, dass ich so einfach zu ködern bin. Aber sprechen wir über den Film.
Da geht es um eine Liebesbeziehung. Die nicht wirklich eine ist. Oder besser gesagt, von der wir uns als Zuschauer wünschen, dass sie eine ist. Umso weniger verwunderlich war es deshalb als die Person, mit der ich den Film schaute, am Ende, wo sie sich dann zum ersten Mal küssten, sagte: al-Hamdu li-Llāh, ENDLICH.
Der Film hat auch den typischen Meet-Cute. Er hat die typische Musik (z. B. Stumblin’ in). Und er hat die ganz typischen Charakterbeziehungen. Nur dass er sich über genau diese Beziehung über die Machtdynamiken- und Gefälle bewusst ist. Was bei „There will be blood“ noch eine Charakterstudie über zwei rivalisierende Männer war, ist hier eine Studie über Machtdynamiken zwischen zwei (sich liebenden?) Menschen. Das fängt beim Altersunterschied an: Sie ist 25. Er 15. Zeigt sich in den einzelnen Episoden des Lebens: Da ist er zum Beispiel ihr Chef, eröffnet einen Laden und sie muss sich in Unterwäsche als Model präsentieren. Und dann ist es wieder sie, die ihm die Welt erklärt, sie ist, die das Autofahren kann, die mehr Lebenserfahrung hat, kurz die Machtdynamiken sind wellenförmig. Und genauso wie sich die Machtdynamiken ändern, so werden auch wir immer wieder in Situationen hineingeworfen, die wir nicht ganz verstehen. Ging es erst noch um den Verkauf von Wasserbetten und darum, wie sich beide ein Business aufbauen wollen, so treffen sie auf einmal auf einen Mann, der ihnen die richtige Aussprache des Namens seiner Freundin Barbara Streisand beibringen will. Kurz es ist wie ein Feuerwerk im Hollywood der 1970er-Jahre, dass all diese Männlein Weiblein Beziehungen genau unter die Lupe nimmt. Ein romantischer Film also in der Hall of Chris recommends: al-Hamdu li-Llāh, ENDLICH!