Das Letzte 04

Es ist Freitag 14.50 Uhr und das erste Mal das ich „Das Letzte“ nicht Sonntagabend um 23.30 Uhr schreibe. Der Grund dafür ist simpel, ich sitze hier, und weiß wieder mal nicht mehr weiter.

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Das Letzte 04
Photo by Saxon White / Unsplash

Keine Pointe

Es ist Freitag 14.50 Uhr und das erste Mal das ich „Das Letzte“ nicht Sonntagabend um 23.30 Uhr schreibe. Der Grund dafür ist simpel, ich sitze hier, und weiß wieder mal nicht mehr weiter. Ich habe beschlossen es aufzuschreiben. Am Wochenende kommen noch gute Artikel, da will ich auch nicht reinplatzen. Deswegen hier also Floris kleiner Tagebucheintrag:

Ich hab kein Bock mehr. Nein ehrlich. Diese Woche war von einer Menge Hiobsbotschaften geprägt. Hitzerekorde, Studien die Schadensprognosen erstellen und heute Steffi Lemke die in der Pressekonferenz das Artensterben so weit sieht, dass unsere Lebensweise bedroht. Jetzt sitze ich hier und weine.

Es wird diesen Sommer das erste Mal wirklich, wirklich heiß werden. Nicht das erste Mal, weil ich Anfang 20 und naiv bin, sondern unter anderem, auch weil die atlantische meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) immer schwächer wird. Langfristig scheinen die Auswirkungen ziemlich apokalyptisch, das zu besprechen würde hier aber den Rahmen sprengen. Fürs erste hieße ein schwächerer oder kaputter AMOC vor allem eins: heiße Luft kommt aus dem Süden nach Europa und die Durchschnittstemperaturen steigen. Resultat wäre, dass man im Sommer nicht vor 18.00 Uhr das Haus verlassen kann. Und dass die Schwächeren unserer Gesellschaft reihenweise Schwächeanfälle und in Teilen Hitzetode erleiden werden. Zentral ist aber vor allem, das Problem reiht sich in die übliche Schlange der Ignoranz ein. Es wurde seit Jahren angekündigt. Es wurde gewarnt. Anpassung wäre angesagt. Ökosysteme müssten robuster und unsere Lebensmittelversorgung garantierbar werden. Vor allem aber müsste die Erderwärmung begrenzt und CO2-Ausstoß reduziert werden. Theoretisch...

Meine Mutter hat Lungenprobleme. Die wird diesen Sommer nicht sterben, aber es wird der Tag kommen, an welchem sie zur Risikogruppe zählen wird. Ich mache mir ehrlich Sorgen. Meine Mutter ist den letzten Jahren kein einziges Mal geflogen. Meine ganze Familie fliegt fast nie. Da kommen auf vier Leute in den letzten 10 Jahren vielleicht 8 Flüge maximal. Wir essen selten Fleisch, fahren immer Zug und machen alles mit dem Fahrrad. Was, wenn meine Mutter in ein paar Jahren von der Hitze umgehauen wird? Womit haben wir das verdient? Man verstehe mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass wir Heilige sind, aber ich finde als Gesellschaft sollte man auf die Frage, die ich mir stelle, immer im Einzelnen Antworten geben können. Ich glaube auch, dass jeder seine Freiheiten genießen sollte. Aber was ist denn mit meiner Freiheit? Was ist mit der Freiheit meiner Mutter? Inwiefern wiegt die Freiheit mit 200 km/h über die Autobahn zu heizen schwerer als die meiner Mutter im Sommer das Haus zu verlassen? Ich bräuchte da eine Antwort. Und ich glaube da bin ich nicht der Einzige.

Ich habe letztens in Gegenwart zweier Freunde einen Witz über die steigenden Temperaturen gemacht und, dAsS daMIt Ja NUn wiRKlIcH keINeR ReChnEn KonNtE. Der eine fand‘s lustig, der andere fragte ernsthaft zurück „Von wann kommt das Sprichwort:  ‚April, April der macht was er will‘ nochmal“. So als wäre alles wie immer - und mein Witz etwas unpassend. Letztes Wochenende 24°C, dieses Wochenende 6°C. Man verstehe mich nicht falsch, ich mag die Person wirklich richtig gern. Nur in dem Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Die Welt geht gerade vor unseren Augen unter. Nicht nur metaphorisch, sondern in Echtzeit. Ich diskutiere jetzt seit vier Jahren auf jeder Party, über Klimawandel und Klimaschutz. Ich versuche zuzuhören, Verständnis zu zeigen. Aber all zu oft kommen am Ende eben doch die gleichen Argumente. Wissenschaft kann sich nicht sicher sein. Was weiß schon ein Naturwissenschaftler über Wirtschaft. Wir dürfen dabei unser Land nicht kaputt machen. Ich kann gerne über Lösungen diskutieren, aber wenn man jedes Mal wissenschaftstheoretische Grundlagen klären muss, bevor man über Tempolimit oder Atomenergie diskutiert, naja, dann kann man es sich auch schenken. Wir können nicht jedes Mal mit allen die Basics klären. Klimawandel ist kein Thema wie Gleichstellung oder Sozialstaat. Da gibt’s zwar wissenschaftliche Unsicherheit, aber die Grundregeln der Naturwissenschaft kann jeder daheim testen. Und noch viel wichtiger, die Modelle waren ziemlich gut darin genau das vorauszusagen, was jetzt kommt. Wir können gerne über Lösungen diskutieren, aber die Grundvoraussetzung muss sein, dass die Lösung in der Lage ist ein Ziel zu erreichen. Ich könnte jetzt anfangen für jede einzelne Aussage in diesem Text Quellen rauszusuchen, aber ich habe da keine Lust drauf. Ich mach das für jede einzelne Debatte, aber heute ist mir der Wissenschaftsbums egal. Ich mache mir Sorgen um meine Mutter und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich mache mir Sorgen um meine Heimat und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft der Kinder, die ich eigentlich irgendwann mal haben wollte und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Nein, ich leide nicht an Klimaangst, meine Suche nach einer Lösung, von der ich den Eindruck habe, hier ist ein Ausweg als Gesellschaft, bleibt nur bisher einfach unbeantwortet. Ich kann nicht mehr. Zumindest für heute. Ich werde nicht aufgeben, aber heute fühle ich mich wirklich ratlos und weiß nicht mehr weiter.

Eine Sache weiß ich aber: sollte meine Mutter, mein Opa, meine Oma irgendwann einen Hitzetod erleiden, werde ich nicht daheim die nächste zivilisierte bumsige Debatte mit einem Konservativen über die Chinesen, Technologieoffenheit oder Freiheit führen.

Nächste Woche kommt dann meine Kritik zu „How to blow up a Pipeline“

Keine Pointe.

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