Being wrong - Now what? 2/5

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Being wrong - Now what? 2/5

Eine Ausweitung des Begriffs „Being Wrong“ oder why we can’t girlboss our way to a better future

Armen Avanessian, Karen van den Berg und Jan Söffner sind nicht die ersten, denen die „Falschheit“ des Systems auffällt. Sie bringen es jedoch auf einen sehr präzisen Punkt. Dieser bedarf allerdings noch etwas inhaltlicher Unterfütterung. Andere, wie Mark Fisher mit seinem Begriff des „capitalist realism“, oder Eva von Redecker schlagen eine sehr ähnliche Richtung ein.

Es ist einfacher, sich das Ende der Welt, als das Ende des Kapitalismus vorzustellen (Jameson, 1991). Genau das bedeutet „capitalist realism“. Der Kapitalismus hat sich nicht nur als politisches und ökonomisches System durchgesetzt, sondern auch bewirkt, dass es unmöglich ist, sich überhaupt eine Alternative vorzustellen (Fisher, 2009). Die Katastrophe im Kapitalismus ist jedoch keine plötzliche, sondern eine, die durchlebt wird. Es gibt dabei nicht den einen Moment des Desasters, und die Welt endet auch nicht mit einem großen Knall, sondern sie döst davon, franst aus und fällt langsam auseinander. Es kommt der Verdacht auf, dass das Ende bereits hier ist und die Zukunft nur noch Wiederholung bereithält. Wir leben im Schatten einer Zukunft, die nie gekommen ist (Fisher, 2009). Auch wenn Fukuyamas These, wir wären am Ende der Geschichte angekommen, mitunter sehr kritisch diskutiert wird, geht Fisher davon aus, dass sie zumindest im kollektiven Unterbewusstsein angekommen ist (Fisher, 2009). Antonio Gramsci beschreibt diesen Zustand wie folgend:

“The crisis consists precisely in the fact that the old is dying and the new cannot be born; in this interregnum, a great variety of morbid symptoms appear.” (Gramsci, 2011)

Das Neue definiert sich durch sein Verhältnis zum bereits bestehenden. Zur gleichen Zeit muss sich das bestehende zum Neuen verhalten. Die Erschöpfung der Zukunft lässt uns nicht einmal eine Vergangenheit zurück (Gramsci, 2011). Der Konservativismus kommt zum Erliegen, da Traditionen nichts bedeuten, wenn sie nicht angefochten und modifiziert werden. Eine Kultur, die nur anwesend ist, verliert seinen Kern. Wir sehen das Erliegen der Kultur in der Transformation von Kultur in Museumsexponaten. Die Kraft des „capitalist realism“ leitet sich zu teilen davon ab, dass der Kapitalismus es schafft, jegliche frühere Geschichte in sich aufzunehmen und sich einzuverleiben (Fisher, 2009). Alle kulturellen Objekte werden zu Artefakten, denen ein klarer monetärer Wert zugewiesen wird. Diese Umwandlung in Artefakte reißt sie aus dem Kontext ihrer Kulturen und wandelt sie in reine ästhetische Objekte um. Wenn man durch große Museen wie das Humboldt Forum oder das British Museum läuft, kann man diesen Prozess live beobachten. Doch diese Wendung vom Glauben zur Ästhetik, vom Engagement zum Betrachten, wird als eine der Tugenden des kapitalistischen Realismus angesehen (Fisher, 2009). Indem er behauptet, wie Badiou es ausdrückt, „uns von den 'fatalen Abstraktionen' befreit zu haben, die von den 'Ideologien der Vergangenheit' inspiriert wurden“, präsentiert sich der kapitalistische Realismus als ein Schild, das uns vor den Gefahren der Ideologie selbst schützt. Die Herabsetzung unserer Erwartungen, so wird uns gesagt, ist ein kleiner Preis, den wir für den Schutz vor Terror und Totalitarismus zahlen müssen (Badiou, 2002). Um dieses System rechtzufertigen, wird es jedoch nicht mal von seinen Anhängern als Ideal beschrieben, sondern als das am wenigsten Grausame von allen. Es mag zwar kein perfektes System sein, doch immerhin ist es auch kein Böses. Die Demokratie hat zwar ihre Fehler, aber sie ist doch besser als eine Diktatur. Die systematische Ungleichheit des Kapitalismus wird zwar zu Teilen anerkannt, jedoch wird dem entgegengestellt, dass man ja immerhin nicht im kriminellen Stalinismus lebe. Dieser „Realismus“ ist analog zur Perspektive eines Depressiven, der jeden positiven Zustand für eine gefährliche Illusion hält und so lieber im gewohnten vermeintlich Sicheren verweilt (Fisher, 2009).

Als der Begriff des Postmodernismus in den 80er Jahren entstand, gab es noch eine politische Alternative zum Kapitalismus. Seit dem Siegeszug des Neoliberalismus in den 90er und 2000er Jahren gibt es jedoch keine Alternative mehr. Wir sind in einem Zustand der tiefen Erschöpfung von Kultur und Politik angelangt (Fisher, 2009). 

„The 80s were the period when capitalist realism was fought for and established, when Margaret Thatcher's doctrine that 'there is no alternative' - as succinct a slogan of capitalist realism as you could hope for - became a brutally self-fulfilling prophecy.” (Fisher, 2009, S. 12)

Seit dem Fall der Berliner Mauer sind inzwischen 34 Jahre und fast zwei Generationen vergangen. Zwei Generationen, die nach dem „Ende der Geschichte“ geboren wurden. Für die meisten Menschen unter 34 in Europa und Nordamerika ist das Fehlen von Alternativen zum Kapitalismus nicht einmal mehr ein Thema. Und der Kapitalismus besetzt nahtlos den Horizont des Denkbaren. Heute ist die Tatsache, dass der Kapitalismus das Unterbewusste der Bevölkerung kolonisiert hat, so selbstverständlich, dass sie keinen Kommentar mehr wert ist. Realistischerweise muss man jedoch auch betrachten, dass auch die 70er Jahre kein Zustand des unendlichen politischen Potentials waren (Fisher, 2009).

Antikapitalismus ist im Kapitalismus sehr weit verbreitet. Ein klassisches Beispiel dafür wäre das böse Großunternehmen als klassischer Antagonist in Hollywoodfilmen. Doch untergräbt dieser Antikapitalismus keineswegs den kapitalistischen Realismus, sondern stärkt ihn sogar noch weiter (Žižek, 1989). Robert Pfaller nennt dies „Interpassivity“, Filme und andere Unterhaltungsformen agieren an unserer Stelle anti-kapitalistisch und da wir diese konsumieren, müssen wir nichts an unserem Konsumverhalten verändern (Pfaller, 2017). Im Gegensatz zum Faschismus und Stalinismus, funktioniert der Kapitalismus hervorragend, ohne offene Formen der Propaganda. Unsere heutige Gesellschaft scheint auf den ersten Blick post-ideologisch zu agieren (Žižek, 1989). Die vorherrschende Ideologie ist der Zynismus. Der Glaube in ideologische Vorschläge oder Wahrheiten ist erloschen. Die fundamentale Ebene der Ideologie ist jedoch keine Illusion, die versucht, seine Wahrheit zu verdecken, sondern eine unterbewusste Fantasie, die unsere soziale Realität strukturiert (Žižek, 1989).

„And at this level, we are of course far from being a post-ideological society. Cynical distance is just one way … to blind ourselves to the structural power of ideological fantasy: even if we do not take things seriously, even if we keep an ironical distance, we are still doing them. “(Žižek, 1989)

Diese Veränderung ist die wichtigste Veränderung in der Ideologie, denn sie funktioniert, indem sie die Karten auf den Tisch legt und auf die vermeintliche Täuschung aufmerksam macht, nur um eine andere Ebene der Täuschung zu verschleiern (McGowan, 2020).

„Ideology necessarily deceives, but it works most effectively not when we believe in its deception, but when we believe we can see through it. If we believe we can see through the ideological deception, the deception grips us even more strongly than if we remain completely deceived by it.“ (McGowan, S.58, 2020).

Befreiung kann hier nicht aus der Gewissheit kommen, getäuscht worden zu sein, sondern nur aus dem Hinterfragen der eigenen Täuschung. Wir denken, dass wir keiner Ideologie unterlegen sind, weil der Kapitalismus für uns schon so selbstverständlich ist (McGowan, 2020). Die kapitalistische Ideologie besteht in der Überschätzung der eigenen Überzeugung und der Unterschätzung der expliziten Überzeugungen, die durch unsere Handlungen deutlich werden. Dies führt dazu, dass solange wir daran glauben, dass der Kapitalismus schlecht ist, wir ohne schlechtes Gewissen weitermachen können. Im Umkehrschluss bedeutet es natürlich aber auch, dass, wenn wir den Kapitalismus als etwas Gutes wahrnehmen, wir auch kein schlechtes Gewissen haben müssen (Pfaller, 2017).

Unternehmerischer Antikapitalismus scheint mit einer authentischen antikapitalistischen Bewegung zu verschmelzen, und eine organisierte Bewegung kommt gar nicht erst zustande. Stattdessen implizieren Werbesprüche von Großunternehmen, dass das engagierte Individuum allein den Welthunger beenden können, ohne politische Lösungen oder systemische Änderungen. Am besten durch Spenden oder ein freiwilliges soziales Jahr, in dem man Schulen in Afrika baut. Die Fantasie besteht darin, dass western consumerism, der natürlich nichts mit der globalen Ungerechtigkeit zu tun hat, diese lösen könnte. Alles, was wir machen müssen, ist nur die richtigen Produkte zu kaufen (Fisher, 2009).

Literatur

Badiou, A. (2002). On Evil: An interview with Alain Badiou | Christoph Cox, Molly Whalen, and Alain Badiou. https://www.cabinetmagazine.org/issues/5/cox_whalen_badiou.php

Fisher, M. (2009). Capitalist realism: Is there no alternative? https://en.wikipedia.org/wiki/Capitalist_Realism

Gramsci, A. (2011). Prison notebooks. Columbia University Press.

Jameson, F. (1991). Postmodernism, or, the cultural logic of late capitalism. Choice Reviews Online, 28(08), 28–4470. https://doi.org/10.5860/choice.28-4470

McGowan, T. (2020). Between the Capitalist and the Cop: The Path of Revolution in Blade Runner 2049. In Springer eBooks (S. 53–81). https://doi.org/10.1007/978-3-030-56754-5_4

Pfaller, R. (2017). Interpassivity: The Aesthetics of Delegated Enjoyment. Edinburgh University Press.

Žižek, S. (1989). The sublime object of ideology. https://en.wikipedia.org/wiki/The_Sublime_Object_of_Ideology

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