Being wrong - Now what? 1/5
In den folgenden Wochen möchte ich hier 5 (mal kürzere, mal längere) Auszüge aus meiner im letzten Semester geschriebenen Humboldtarbeit mit euch teilen. In dieser habe ich mich mit der Schaffung von Nischen für gesellschaftlichen Wandel durch aktivistische Kunst im Kontext des Jahresthemas „Being Wrong“ des artsprograms auseinandergesetzt. Aus datenschutzrechtlichen Gründen kann ich meinen empirischen Teil leider nicht veröffentlichen. Ich kann mir aber vorstellen, dass meine theoretische Ausarbeitung zu dem Thema für den / die ein oder andere/n interessant sein könnte.
On Being Wrong
„Das 20. Jahrhundert kommt mir wie eine lange Frage vor, an deren Ende wir die falsche Antwort gegeben haben. Ist es nicht ein Unglück geboren worden zu sein, als die Welt verloren ging?“ Sally Rooney, 2017
Der Begriff „Being Wrong“, geprägt von Armen Avanessian, Karen van den Berg und Jan Söffner, verweist auf eine fundamentale Dimension des Falschen. Das allgegenwärtige Empfinden, Teil einer problematischen Kultur zu sein, geht über bloße Fehler oder Irrtümer hinaus (Avanessian et al. 2023). Es handelt sich nicht um individuelles Unrechtshandeln, sondern um ein systematisches Problem. „Being Wrong“ bedeutet, dass das System, der Mensch, das Denken und Handeln als Ganzes falsch und grundlegend gestört sind (Avanessian et al. 2023). Dementsprechend müssen auch für uns selbstverständliche Konstrukte, wie westliche Wissensproduktion und das Konzept eines historischen Kanons, hinterfragt werden.
Der Status des „Being Wrong“ darf nicht mit einem „Doing Wrong“ verwechselt werden, da das Falschsein so tief in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert ist. Allein durch das eigene Leben im hochindustrialisierten Europa nimmt man Teil an der fortschreitenden Zerstörung des Planeten, einem ausbeuterischen Wirtschaftssystem und einem neoliberalen und kolonialen Wissensapparat (Avanessian et al. 2023). Ein System, was so starr verankert wirkt, dass die Vorstellung des Endes der Welt einfacher erscheint als das Ende des Kapitalismus (Fisher, 2009). Aus dieser Erkenntnis darf jedoch kein Rückzug in einen untätigen Zynismus erfolgen, da dieser außer Paralyse nichts zu bieten hat. Georg Lukács nannte dies den Einzug in das „Grandhotel Abgrund“ (Lukács, 1971). „Weil man erkennt, wie falsch alles ist, fühlt man sich grässlich schlau – richtet es sich in der eigenen Falschheit aber behaglich ein“ (Avanessian et al. 2023). Es ist also unabdinglich aktiv zu werden. Doch welche Handlungsweise ist dann angemessen?
Das Empfinden, im Falschen zu leben, ist ausschließlich für weiße, im Westen aufgewachsene Cis-Personen neu. Black und Indigenous People leben bereits seit über 500 Jahren in einer Welt, die ihnen feindlich gegenübersteht. Wenn man den Spätliberalismus aus der Perspektive einer „ancestral catastrophe“ (Povinelli, 2021) betrachtet, ändert sich grundlegend die Bedeutung unserer materiellen Existenz. Vergangene Katastrophen wie Kolonialismus und Versklavung beeinflussen den aktuellen Zusammenbruch in Umwelt und Gesellschaft. Diese Katastrophen sind nicht bloß Ereignisse der Vergangenheit, sondern wirken auch in der Gegenwart fort. Sie zeigen sich immer wieder an Orten, die durch Kolonialismus und Rassismus geprägt wurden, und entwickeln ständig Gegenpraktiken gegen den Kapitalismus (Povinelli, 2021). Die Konsequenz daraus ist, dass es nicht ausreicht, nur nach neuen Umgangsformen zu suchen, sondern auch in die Vergangenheit zu blicken und bestehende Überlebensstrategien zu untersuchen.
Wer ist das „Wir“, dass das „Being Wrong“ verspürt?
Im ersten Moment scheint diese Frage sehr einfach beantwortbar zu sein. Natürlich die politische Linke. Deshalb kämpfen sie ja gegen ein System der Unterdrückung an. Aber verspürt der Rest der Bevölkerung nicht auch eine Entfremdung? Und gegen was kämpft dann eigentlich die Rechte an?
Eva Illouz erklärt in der Einleitung ihres 2023 erschienen Buches „Undemokratische Emotionen“, dass der Faschismus weder eine Anomalie noch ein Unfall der Geschichte ist. Vielmehr ist er Teil der Demokratie und ist in ihrem Inneren aktiv (Illouz, 2023). Bereits für die Frankfurter Schule war es ein zentrales Thema, dass in Nachkriegsdeutschland keine klare Trennlinie zwischen politischem Faschismus und westlich-bürgerlichem Kapitalismus zu ziehen war (Adorno, 2019). Der Faschismus, muss also nicht unbedingt als voll ausgebildetes Regime in Erscheinung treten, sondern kann nur eine Tendenz innerhalb einer Demokratie sein (Illouz, 2023). Bereits Adorno und die Frankfurter Schule sahen die Träger:innen dieses neuen Faschismus nicht in der Unterschicht, sondern in der bürgerlichen Klasse, die zu Beginn durch den Kapitalismus profitierte, doch nun Angst vor einer Deklassierung hatte. Adorno verstand die Unterstützung faschistischer Tendenzen als Ausdruck der Angst vor Abwärtsmobilität. So würde die privilegierte Klasse den Faschismus befürworten, wenn sie ihre Privilegien bedroht sehe (Adorno, 2019). Somit scheint der Verlust von Privilegien ein entscheidender Motivator in der Unterstützung von antidemokratischen Bewegungen zu sein. Adorno versteht ebenfalls die Identifikation mit dem Faschismus als abhängig von einer bestimmten Art, über Ursachen und Schuldzuweisungen nachzudenken (Adorno, 2019). Dabei gibt die deklassierte Klasse nicht dem Kapitalismus die Schuld an ihrem Status- und Privilegienverlust, sondern denjenigen, die dieses Wirtschaftssystem kritisieren. Für diesen Protofaschismus ist die Unfähigkeit des Verständnisses von Kausalketten, die für die eigne soziale Situation verantwortlich sind, notwendig. Menschen nehmen also ihre gesellschaftliche Umwelt grundlegend verzerrt wahr (Adorno, 2019).
Die Ursachen ihres Statusverlusts kann die bürgerliche Klasse nicht richtig identifizieren und kann sich infolgedessen auch nicht mit der Kritik solidarisch zeigen, die zwar nicht unbedingt ihre Interessen verteidigt, aber zumindest das System infrage stellt, das für ihre Erfahrung des sozialen Abstiegs verantwortlich ist (Illouz, 2023). Eva Illouz bezeichnet diesen Prozess in Anlehnung an Jason Stanley als „flawed ideology“. Flawed ideologies berauben Gruppen des Wissens über ihre eigenen mentalen Zustände, indem sie ihnen die eigenen Interessen systematisch verschleiern (Illouz, 2023). In diesem Kontext muss jedoch auch hervorgehoben werden, wie relevant es ist, die Gründe zu respektieren, die Bürger:innen als Grundlage für ihre Entscheidungen und Meinungen darlegen. Jedoch kann im Kontext zunehmender Verschwörungserzählungen und faschistischer Tendenzen nicht jede Meinung als gut fundiert bewertet werden. „Flawed“ oder „fehlgeleitet“ sind Begriffe, die dem Wort „falsch“ sehr nahekommen, jedoch ist es wichtig diese Wörter nicht miteinander zu verwechseln. Denn „flawed“ wertet nicht das Denken und Fühlen der Bürger:innen ab. Diese sind insofern nicht „falsch“, da sie eine sehr reale soziale Erfahrung beschreiben, jedoch die Ursachen nicht korrekt zuordnen können (Illouz, 2023).
Der Faschismus entfaltet weiterhin seine Wirkung aus dem Inneren der Demokratie, da viele Menschen, die am stärksten von der Logik wirtschaftlicher Konzentration betroffen sind, Schwierigkeiten haben, die einzelnen Glieder der Kausalkette zu verknüpfen. In einigen Fällen können sie sich sogar gegen jene stellen, die sich bemühen, diese Logik zu enthüllen. So entsteht paradoxerweise ein Gegensatz zwischen denjenigen, die bestrebt sind, Ungerechtigkeit und Ungleichheit anzuprangern, und jenen, die genau unter diesen Zuständen leiden (Illouz, 2023). Diese sozialen Klassen empfinden, dass sie von der Linken nicht mehr angemessen repräsentiert werden, und zweifeln an deren Fähigkeit, ihre Interessen wirksam zu vertreten. Diese Situation spiegelt möglicherweise die Implosion sozialdemokratischer Ideen weltweit und vielleicht auch die schlichte Erschöpfung des Liberalismus wider. Das Zusammenspiel dieser Faktoren erklärt, weshalb selbst in anscheinend gefestigten Demokratien faschistische Kräfte wieder mehr Unterstützung bekommen (Illouz, 2023).
Literatur
Adorno, T. W. (2019). Aspekte des neuen Rechtsradikalismus: Ein Vortrag.
Avanessian, A., van den Berg, K. & Söffner, J. (2023). ON BEING WRONG. artsoftheworkingclass.org. https://artsoftheworkingclass.org/text/on-being-wrong-1
Fisher, M. (2009). Capitalist realism: Is there no alternative? https://en.wikipedia.org/wiki/Capitalist_Realism
Illouz, E. (2023). Undemokratische Emotionen: Das Beispiel Israel. Suhrkamp Verlag.
instituteofradicalimagination.org. MISSION & VALUES.
Lukács, G. (1971). Die Theorie des Romans. https://openlibrary.org/books/OL20442835M/Die_Theorie_des_Romans
Povinelli, E. A. (2021). Between Gaia and Ground: Four axioms of existence and the ancestral catastrophe of late liberalism. https://read.dukeupress.edu/books/book/2935/Between-Gaia-and-GroundFour-Axioms-of-Existence
Rooney, S. (2017). Conversations with friends: Now on BBC Three and iPlayer. Faber & Faber.
